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Startrainer: Segen oder Fluch?

Ivan Lendl gegen Michael Chang, Boris Becker gegen Stefan Edberg: Die grossen Champions früherer Tage tragen ihre Duelle heute als Coaches von aktuellen Topstars aus. Nicht alle Experten erachten die Promi-Allianzen als erfolgversprechend.

Die Zeiten, als die Spitzenspieler alleine oder mit einem Coach rund um den Globus ihrer Arbeit nachgingen, sind längst vorbei. Die meisten der Top-10-Cracks verfügen mittlerweile über einen Dienstleistungsstab, in dem neben dem Tenniscoach und einem Manager auch ein Masseur, je ein Mental- und Fitnesstrainer sowie ein Ernährungsberater ihren Stammplatz haben.

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Djokovic und Federer befeuern neuen Trend

Doch trotz dieses umfassenden und hochprofessionellen Umfeldes scheinen viele Topcracks das Gefühl zu haben, dass ihnen das gewisse Extra fehlt, das am Ende den Unterschied macht, ob man aus einem grossen Duell als Sieger oder Verlierer hervorgeht.

Den jüngsten Engagement-Reigen von Tennislegenden als Betreuer eröffnete Novak Djokovic, der sich Ende Jahr sensationell und medienwirksam die Dienste von Boris Becker sicherte. Ihm gleich tat es nur einige Wochen später Roger Federer, der sein Kindheitsidol Stefan Edberg als Berater auf die schillernde Bühne zurückholte.

Auf den Erfahrungsschatz eines Ex- Champions setzen schliesslich diese Saison auch der Japaner Kei Nishikori (mit Michael Chang) und Richard Gasquet (mit Sergi Bruguera). Mit Goran Ivanisevic und Tony Roche, die schon seit längerem Marin Cilic bzw. Lleyton Hewitt betreuen, agieren damit aktuell sieben ehemalige Grand-Slam-Champions auf der ATP-Tour in der Funktion eines Coaches oder Beraters.

Murray als Vorreiter?

Den neuen Trend eingeleitet hatte Andy Murray bereits vor zwei Jahren, als er Ivan Lendl ins Boot holte. Die vom Briten geäusserten Hoffnungen im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem Tschechen, er möge ihm insbesondere auf der Jagd nach einem Grand-Slam-Titel wertvolle Hilfe leisten, erfüllten sich denn auch prompt nach nur wenigen Monaten der Zusammenarbeit beim US Open 2013 und vergangenen Sommer in Wimbledon.

Zuvor hatte es Murray auf Major-Ebene in vier Endspielen stets in den entscheidenden Momenten an Mut und Selbstvertrauen gefehlt. Und wer hätte ihm da besser über dieses Manko hinweghelfen können als der Mann, der auch erst nach vier gescheiterten Versuchen den ersten Grand-Slam-Titel gewann und nach gebrochenem Bann weitere acht Major-Pokale eroberte sowie insgesamt 270 Wochen an der Spitze der Weltrangliste stand?

''Zum Sieger gemacht''

''Ivan, du stehst für diesen Erfolg, du hast mich als Spieler verändert und zum Sieger gemacht'', hatte Murray just nach seinem historischen Triumph auf dem heiligen Rasen in London bei einer emotionalen Dankesrede an seinen Coach verlauten lassen. Viele Experten hatten dieser Zweierbeziehung zu Beginn ''nur ein halbes, vielleicht ganzes Jahr'' (''The Sun'') gegeben. Zu stark seien die Egos der zwei Männer, lautete der Tenor.

Doch die beiden verstanden sich von Anfang an bestens, nicht zuletzt auch wegen des gemeinsamen Humors, der sie schnell verband, wie Murray erklärte. Lendl, dem fittesten Spieler seiner Zeit und schlauen Strategen, gelang es überraschend schnell, seinen Schützling mental zu stabilisieren und von diesem lähmenden Erfolgsdruck zu befreien, der ihn regelmässig in Major-Finales zum Scheitern verdammt hatte.

Die Gefahren einer Promi-Allianz

Ob die Erfolgsgeschichte des Duos Lendl/Murray die jüngste Welle von Starcoaches auf der ATP-Tour ausgelöst hat? Lendl, der versichert, dass er von keinem der neuen Trainer vorgängig um Rat gefragt worden sei, bezweifelt dies, denn jede Konstellation zwischen Legende und Starspieler sei aufgrund der äusserst verschiedenen Persönlichkeiten anders und nicht per se erfolgversprechend.

''Es ist wichtig, dass der ehemalige Spieler nicht versucht, sich mit seinem Schützling zu vergleichen, und sich einzig und allein auf dessen Stärken und Schwächen fokussiert'', erklärt Lendl. Zudem müsse die Rollenverteilung im Team klar sein.

Lendl: ''Kann zu Unruhen führen''

Gut geregelt hätte dies Roger Federer, der neben Trainer Severin Lüthi Stefan Edberg ganz klar lediglich als Berater engagiert habe. Als diffizil betrachtet er hingegen die personelle Konstellation im Team von Djokovic, wo mit Boris Becker und Marian Vajda gleich zwei starke Persönlichkeiten als Coaches amten.

''Dies kann zu Unruhen im Team führen'', gibt Lendl zu bedenken. Er ist jedoch auch überzeugt, dass solche Promi-Allianzen selbst für exzellente Topspieler wie Roger Federer und Novak Djokovic gewinnbringend sein können. ''Dezente Tipps, persönliche Ansprachen oder einfach nur die pure Präsenz eines ehemaligen Champions in der Spielerbox können ihnen zu neuen Exploits verhelfen.''

Tatsächlich bezeichnet Federer sein neues Teammitglied Edberg mehr als Inspiration denn als Coach. Minimal zehn Wochen soll der Schwede den Basler dieses Jahr auf der Tourkarawane begleiten. ''Es geht vor allem um die Motivation'', erklärt Edberg auf die Frage, wie er Federer denn weiterhelfen könne, ''und auch ein bisschen um Strategie, die immer etwas verbessert werden kann.''

McEnroes Interesse

Die erhöhte Präsenz von Grossmeistern vergangener Tage an der Seite von Topstars wird nicht von allen Fachleuten im Circuit als Segen bezeichnet. Der ehemalige Weltranglisten-Erste Jim Courier beispielsweise ist nach wie vor überzeugt, dass die besten Coaches immer noch ehemalige Spieler seien, die aus wenig Talent das meiste herausgeholt hätten. ''Ich denke da an Larry Stefanki, Paul Annacone, Darren Cahill und Brad Gilbert oder auch an einen Magnus Norman'', so Courier.

Zudem gibt er zu bedenken, dass es für Spieler, die im Tenniscircuit die grossen Haupt-Acts gewesen seien, nicht einfach sei, plötzlich nur noch an der Seitenlinie eine Nebenrolle innezuhaben. ''Einem charismatischen Spieler wie Boris Becker dürfte es nicht leicht fallen, sich unterzuordnen.''

Jim Courier ist nach eigenen Angaben ebenso wenig an einem Trainerjob auf der ATP-Tour interessiert wie Andre Agassi und Pete Sampras – ganz im Gegensatz zu John McEnroe, der seine Fühler nach einem Engagement bei einem prominenten Spieler gemäss US-Zeitungen schon länger ausgestreckt hat.

Beckers undurchsichtige Rolle

Die Rückkehr eines John McEnroe auf die grosse Tennisbühne dürfte ebenso viel Aufsehen erregen wie jüngst diejenige von Stefan Edberg und Boris Becker. Während der Schwede angesichts der aufstrebenden Form seines Schützlings Roger Federer auf die ersten Arbeitstage mit einem guten Gefühl zurückblicken kann, hinterlässt der Trainerauftakt des deutschen Altmeisters gespaltene Gefühle.

Allzu oft hinterliess Becker den Eindruck, als müsse er nach vielen peinlichen Auftritten in seiner Heimat Deutschland nun deutlich machen, dass sein Wort in der Tenniswelt immer noch von grosser Bedeutung sei. Dies wirkte mitunter sehr bemüht. Hinzu kam die ungewohnt frühe Niederlage Djokovics im Australian-Open-Viertelfinale gegen Stan Wawrinka, die Becker nach eigenen Aussagen bis morgens um halb sechs Uhr den Schlaf geraubt hatte.

Trägt deutsche Gründlichkeit Früchte?

Hoffnung, dass die Partnerschaft zwischen den beiden Männern doch noch von Erfolg gekrönt sein wird, machen die Aussagen von Djokovic, der den Journalisten versicherte, dass sein Cheftrainer mit einer hundertprozentigen deutschen Gründlichkeit seinem neuen Job nachgehe und er von Boris bereits wertvolle Tipps in Sachen Feinjustierungen bei Taktik und Strategie erhalten habe. ''In den nächsten Wochen werden wir noch intensiver an Details arbeiten können, was bislang nicht möglich war'', erklärt der Serbe.

Wir werden derweil auf alle Fälle weiter fasziniert beobachten, wie die Idole früherer Tage am Rande der Centre Courts sitzen und einen Hauch der alten Duelle aufs Neue aufleben lassen.

Von Doris Rickenbacher