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Rasheed: Ein Erfolgscoach wie eine Eiche

Roger  Rasheed ist unter den Tenniscoaches so etwas wie ein Mysterium. Als ihn kaum jemand kannte, führte er seinen australischen Landsmann Lleyton Hewitt aus dessen Karriereloch wieder zurück ins Rampenlicht. Danach folgte die Zusammenarbeit mit Gaël Monfils und 
Jo-Wilfried Tsonga. Nun schickt sich der extrem fordernde ehemalige Aussie-Football-Spieler an, die Tenniskarriere von Grigor Dimitrov anzutreiben. Mit immensem Erfolg.

Sein Bizeps zeichnet sich ebenso eindrucksvoll unter dem Poloshirt ab wie der von Rafael Nadal, und wäre der Mann ein Baum, müsste er die knorrige Eiche sein. Roger Rasheed, geboren 1969 in Adelaide, ist ein Typ, dem man jederzeit den Transport eines Konzertflügels oder die Schlichtung einer Rangelei im Wirtshaus anvertrauen würde. Seine Vorstellungen setzt er mit Kraft und Entschlossenheit, aber auch mit Ideen um, die seiner sechs Jahre alten Tochter India gefallen würden.

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Never give up

Ein paar Stunden, bevor sein Schützling Grigor Dimitrov im Mai beim Madrid Open gegen Tomas Berdych spielen musste, stellte er auf Twitter ein Bild ins Netz, auf dem eine Maus vor einer bedrohlich betriebsbereiten Mausefalle hockte. Das arme Tier war gut ausgerüstet – es trug einen knallroten Sturzhelm. Die Botschaft war klar: Wie aussichtslos die Situation auch sein mag – Never give up.

''Jaja, ich begreif’ das schon'', sagt Dimitrov zu solchen Nachhilfestunden, ''kleine Erziehungsmassnahmen, das hat er verdammt gut drauf. Aber er sagt Dinge nicht einfach nur so dahin, hinter allem steckt ein Sinn. Das ist toll, ich mag das wirklich''

Seit Oktober 2013 sind der Bulgare und der kräftige australische Coach ein Team, und die Zusammenarbeit funktioniert offensichtlich ziemlich gut. Beim Australian Open zu Beginn des Jahres landete Dimitrov im Viertelfinal, nach einem Titelgewinn in Acapulco im Februar tauchte er zum ersten Mal unter den Top 20 der Weltrangliste auf, und im April gewann er in Bukarest ATP-Titel Nummer drei und rückte auf Position 14 vor.

Trainingsmethoden aus Australian Rules Football

Schon vor Jahren hatte es geheissen, der Bulgare werde eines Tages im Männertennis eine wichtige Rolle spielen; wenn nicht alle Anzeichen täuschen, dann kommt er den Prophezeiungen unter der Leitung seines Coaches Schritt für Schritt näher. Aber dazu brauchte es mehr als Motivationshilfen und Mäusegeschichten.

Roger Rasheed spielte, bevor er Tennisprofi wurde, Australian Rules Football, eine der härtesten Ballsportarten auf diesem Planeten, bei der die Spieler den Gegner – anders als die Softies vom American Football – ohne Schutzkleidung aus dem Weg rammen und mit Karacho ineinander rumpeln.

Wer Footy, so die 
Kurzform der Australier, aushalten will, muss robust und extrem fit sein, und die harten, grundlegenden Drills dazu sind nach wie vor ein grosser Teil in Rasheeds Trainingsplan.

Hewitt, Monfils und Tsonga

Beim ersten Spieler, den er betreute, schien das wie die Faust aufs Auge zu passen; vier Jahre lang arbeitete er mit Landsmann Lleyton Hewitt, Sohn eines Footy-Spielers und selbst Fan der Sportart. Die nächsten Klienten, Gael Monfils und Jo-Wilfried Tsonga, hatten in dieser Hinsicht grösseren Nachholbedarf. Auch sie schufteten und schwitzten mit Rasheed.

Genauso, wie es Grigor Dimitrov seit etwas mehr als einem halben Jahr tut. Der sagt, im Prinzip sei es natürlich nicht so, dass er in dieser Zeit völlig neue Varianten des Fitnesstrainings erfahren hätte. Aber die Kombinationen vieler Dinge und die Konsequenz bei der Umsetzung machten den Unterschied aus.

Die härteste Übung? ''Zwei Wochen Training ohne einen einzigen Tag Pause.'' Wie viele Stunden am Tag? ''Keine Ahnung. Die Uhr spielt keine Rolle, ich versuche nur, Vorgaben zu erfüllen. Klar fällst du am Abend ins Bett, und am nächsten Morgen tut dir was weh, aber ich mag das Gefühl. Das ist neu für mich, und ich freue mich auf jede neue Erfahrung.''

Kommentator und Ratgeber

In Australien ist Rasheed nicht nur als Coach bekannt, er arbeitet auch als Kommentator und Ratgeber für den Fernsehsender ''Channel Seven''. Und wenn irgendwo ein Fachmann in Sachen Motivation, vor allem im Jugendbereich, gebraucht wird, dann ist er zur Stelle und trägt seine Sicht der Dinge gestenreich vor. Nie ist er um einen Spruch verlegen.

''Er sorgt dafür, dass die Dinge so laufen, wie er es gern hätte'', sagt Dimitrov, ''das liegt irgendwie in seiner Natur.'' Rasheeds Fundus an fordernden Botschaften scheint unerschöpflich zu sein. Weitere Kostproben? ''Ich betrachte Niederlagen als Siege für die weitere Entwicklung – sofern ich von Start bis Ziel alles gegeben habe.'' Oder diese: ''Die meisten Dinge, die du im Leben erreichen willst, warten gleich hinter der nächsten Ecke. Es kommt nur darauf an, ob du bereit bist, weit genug zu schauen.''

Es gibt jedenfalls Situationen, in denen offensichtlich ist, was er hinter seiner Sonnenbrille gerade denkt. Als Dimitrov in Madrid am Ende eines langen, harten Ballwechsels direkt vor einem Linienrichter ausrutschte und dann platt im roten Sand lag, da hatte er zwar den Punkt nicht gemacht, aber die Vorgabe seines Coaches erfüllt. Just never give up.

Von Heike Henkel