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Wawrinka: ''Ich habe schöne Probleme''

Im Rahmen der Suisse Open in Gstaad hatte Adrian Ruch, Sportchef der «Berner Zeitung», die Möglichkeit, mit Stan Wawrinka ein längeres Interview zu führen. Dabei sprach der Romand über seine Liebe zum Davis Cup, seine mentale Müdigkeit und über die Tatsache, dass er sich selbst und andere ihn seit seinem Grand-Slam-Sieg in Australien mit anderen Augen sehen.

Ohne Sie fehlt dem Gstaader Tennisturnier ein Star, ein Aushängeschild. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, dass Sie hier im Berner Oberland nicht spielen?

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Stan Wawrinka: Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Ich versuche stets, alles dafür zu tun, damit ich in der Schweiz und im Davis Cup spielen kann. Doch nach allem, was in der ersten Saisonhälfte passiert ist, war es für mich essenziell, für das Swiss Open abzusagen.

Weshalb?

Ich war sehr müde, brauchte dringend eine Pause. Es kommt in der zweiten Saisonhälfte eine sehr intensive Zeit auf mich zu. Ich muss alles dafür tun, gut vorbereitet zu sein, um Verletzungen zu vermeiden.

Wie haben Sie die zusätzliche freie Zeit genutzt? 

Zuerst gönnte ich mir ein paar freie Tage, die ich mit meiner Familie verbrachte. Dann begann ich mit der Arbeit im körperlichen Bereich. Weil dieser Aufbaublock etwas länger ausfiel, konnte ich die Intensität tiefer halten. Die einzelnen Einheiten waren hart, aber ich konnte abwechseln: ein Tag Training, ein Tag Erholung, ein Tag Training.

Sie klagten vor allem über die mentale Müdigkeit. Was können Sie dagegen machen? 

Ich bin nicht mental müde, weil ich verkrampft bin, sondern weil abseits des Courts so viel los ist. Ich kann keine Kraft sparen, indem ich mich im Training zurückhalte – im Gegenteil. Wichtig ist, dass ich frisch in jedes Training steige. Nur so kann ich die Basis für die anstrengende zweite Saisonhälfte legen.

Die Einheiten mit Fitnesscoach Pierre Paganini sind äusserst anstrengend. Sind sie eine lästige Pflicht? 

Überhaupt nicht. Ich mag es, mit Pierre zu trainieren, zumal ich ihn nicht allzu oft sehe. Auch wenn es körperlich hart ist – ich arbeite gern. Wichtig ist für mich, zu spüren, dass es in die richtige Richtung geht.

Ein halbes Jahr nach dem Triumph an den Australian Open können Sie bestimmt eine Zwischenbilanz ziehen. Wie hat sich Ihr Leben verändert? 

Ich bin nun viel gefragter; es gilt daher für mich, sorgfältiger zu planen. Ich bekomme täglich Anfragen; ich muss heute häufiger Nein sagen. Das Drum und Dran bedeutet für mich eine grosse Umstellung und kostet mich viel Energie. Ich muss immer genau überlegen, was zeitlich und energetisch geht und was nicht. So kam ich auch zum Schluss, dass ich es nicht riskieren konnte, in Gstaad anzutreten.

Das klingt jetzt eher negativ. 

Nein, letztlich befinde ich mich in einer tollen Position. Es ist für mich eine Umstellung, aber es sind schöne Probleme, die ich habe. Als Profi bringt man viele Opfer, um möglichst gut Tennis zu spielen. Nun habe ich ein Grand-Slam-Turnier gewonnen und gehöre zu den Top 5 der Welt – das ist ein unglaublicher Erfolg und für mich eine grosse Chance.

Jeder behauptet, ein Grosserfolg würde ihn nicht verändern. Wie sieht nun die Realität aus? Sehen Sie sich in einem anderen Licht? 

Ich sehe mich nicht anders als früher, ich bin immer noch derselbe. Doch es gibt viele Dinge, die sich geändert haben und die Anpassungen verlangen.

Nach der Erstrundenniederlage in Paris gaben Sie zu, Sie hätten nun höhere Erwartungen an sich und deshalb mehr Mühe zu akzeptieren, wenn Sie nicht gut spielten. Haben Sie eine Lösung für dieses Problem gefunden? 

Ich denke schon. Die Niederlage in Paris schmerzte mich sehr; ich musste genau analysieren, was schief gelaufen war, und daraus etwas lernen. Ich glaube, das ist mir gelungen. Auf Rasen habe ich meine Leistung wieder gebracht, in Wimbledon habe ich sogar sehr, sehr gut gespielt.

Was änderten Sie konkret? 

Ich muss die Sache mental etwas anders angehen, damit ich mich besser fühle. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden, ich fühle mich gut dort, wo ich bin. Ich hoffe, ich werde weiterhin gutes Tennis zeigen.

Für Ihre Konkurrenten sind Sie seit dem Sieg in Melbourne nicht mehr der gleiche Spieler. 

Das stimmt, und nicht nur für sie. Als Grand-Slam-Champion und Weltnummer 4 betrachten mich auch die Zuschauer und die Turnierveranstalter ganz anders. Ihre Sichtweise, ihr Bild von mir hat sich komplett verändert.

Die US Open, der Davis Cup, der ATP-Final in London: Die zweite Saisonhälfte ist angereichert mit Höhepunkten. Welches ist Ihr wichtigstes Ziel?

Der Davis Cup, er hat für mich immer ­hohe Priorität gehabt. Vorläufig konzentriere ich mich darauf, für jeden Match bereit zu sein, stets 100 Prozent zu geben. Wenn ich in jedem Match alles geben kann, spiele ich gut – dann stimmen auch die Resultate.

Sie schwärmen immer vom Davis Cup. Weshalb lieben Sie diesen Wettbewerb dermassen?

Schon als ich jung war, habe ich den Davis Cup verfolgt. Ich mag es, Teil einer Equipe zu sei, ich mag es, mein Land zu vertreten. Für mich ist es eine Ehre, für die Schweiz zu spielen. Seit meinem ersten Aufgebot ist es für mich ganz normal, dass ich im Davis Cup dabei bin.

Gegen Kasachstan erlebten Sie zwei schwierige Tage. Schmerzen Sie Niederlagen im Davis Cup mehr als an einem Turnier? 

Nein, am Ende gewannen wir die Begegnung. Für mich ist das Wichtigste, dass das Team am Sonntagabend als Sieger dasteht. Es stimmt, zwei Tage waren schwierig. Ich hatte Mühe, mich zu entspannen. Aber am Sonntag gewann ich und Roger Federer war auch noch da. Daher war es letztlich ein tolles Wochenende.

Werden Sie von diesen Erfahrungen profitieren können?

Ja, was mir gegen Kasachstan passierte, wird mir im Halbfinal gegen Italien bestimmt helfen. Das bedeutet nicht zwingend, dass ich berauschend spielen werde, aber ich habe gelernt, wie ich mich fühlen, wie ich mit der Situation umgehen muss.

Weshalb haben Sie sich entschlossen, sich künftig im Spielerrat der ATP zu engagieren?

 Es interessiert mich, die Zukunft des Tennissports mitzugestalten. Ich habe schon länger daran gedacht, mich zur Verfügung zu stellen. Ich finde es wichtig, mich für das Image und die Zukunft des Tennissports einzusetzen. Als ich wusste, dass Roger zurücktritt, fand ich, es sei der richtige Zeitpunkt. Weil ich in der Weltrangliste vorgerückt bin, dürfte es mir nun etwas leichter fallen, mir Gehör zu verschaffen.

Welches sind die vordringlichsten Probleme im Männertennis, die Sie anpacken möchten?

Es gibt genug Themen, die Sache ist kompliziert. Ich weiss, dass schon einige Projekte angestossen worden sind. Ein latentes Problem ist der Turnierkalender, doch es ist nicht einfach, sinnvolle Lösungen zu finden. Manchmal muss man akzeptieren, dass Veränderungen Zeit brauchen. Aber mit Chris Kermode haben wir einen neuen ATP-Präsidenten, der hinter den Spielern steht.

Gibt es Regeln oder Strukturen, die man Ihrer Meinung nach dringend ändern müsste? 

Grundsätzlich geht es dem Tennissport gut; er befindet sich auf hohem Niveau und ist sehr populär. Aber das Ziel ist es, das Tennis weiterzuentwickeln, vorwärtszubringen.

Sowohl Sie als auch Gilles Simon möchten Präsident des Spielerrats werden. Wie wichtig ist Ihnen diese Position?

Entscheidend ist sie für mich nicht. Ich werde nicht in den Spielerrat kommen und sagen, ich muss unbedingt Präsident werden. Aber ich habe mir die Sache gut überlegt und beschlossen, mich zu bewerben. Ich kandidiere nicht der persönlichen Macht wegen. Ich kandidiere, weil ich glaube, dass es für das Image des Spielerrats gut und dessen Wirkung grösser ist, wenn ein möglichst gut klassierter Spieler an der Spitze steht. Ich finde es wichtig, einen Top-10-Spieler zum Präsidenten zu machen, weil er dem Spielerrat in den Diskussionen mit den Turnierdirektoren und anderen Partnern zu mehr Durchsetzungskraft verhilft.

Zum Schluss nochmal eine Frage zu Gstaad. Viele der ATP-250er-Events kämpfen ums Überleben. Haben Sie eine Lösung für dieses Problem parat?

Ich bin mir bewusst, dass sich die kleineren Turniere in einer schwierigen Situation befinden. Alle versuchen, den Tennissport in eine Richtung zu führen, die für alle Seiten positiv ist. Doch etwas lässt sich nicht ändern: Man kann von den Top-10-Spielern nicht verlangen, jede Woche ein Turnier zu bestreiten – das ist unmöglich. Die grossen Turniere werden für sie immer im Vordergrund stehen. Es ist sicher möglich, den Kalender etwas zu optimieren, die Daten diverser Events anzupassen. Aber für ein Turnier wie Gstaad wird es immer schwierig bleiben, Top-10-Spieler zu präsentieren.