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Belinda Bencic - wie weit führt ihr Weg?

Den Begriff des Wunderkinds im Zusammenhang mit seiner Tochter mag Belinda Bencics Vater und Coach Ivan ebenso wenig wie die Vergleiche mit Martina Hingis. Doch daran wird sich die Familie Bencic noch sehr viel verstärkter als bisher gewöhnen müssen. Denn Belinda Bencic schickte sich 2014 an, die Tenniswelt der Erwachsenen zu erobern.

179Plätze ist kein stolzer, sondern ein kolossaler Wert. Wer sich im WTA-Ranking innerhalb eines Jahres von Platz 212 auf Platz 33 vorarbeitet, muss etwas Besonderes sein. Eben dieses Kunststück hat die erst 17-jährige Ostschweizerin Belinda Bencic 2014 bei ihrem ersten Jahr auf der Erwachsenen-Profitour vollbracht.

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Da fällt es einem schwer, die Einschätzung ihres Vaters und Trainers Ivan nachzuvollziehen, als er im August 2013 noch versicherte, dass die Erfolge seiner Tochter weniger auf herausragendem Talent als vielmehr auf harter Arbeit beruhen würden. Mag sein, das selbst er – der es doch besser als jeder andere Experte wissen müsste – in den letzten 16 Monaten vom rasend schnellen Aufstieg seiner Tochter überrascht wurde.

Nie reines Freizeitvergnügen

Ivan Bencic ist einer, der Tennis denkt und arbeitet. Einer, der selber sportbesessen war – in seinem Fall als Eishockeyspieler. Und Ivan Bencic ist auch einer, der Tennis mit seiner Tochter nie als reine Freizeitbespassung sah, sondern noch vor der eigentlichen Projektplanung einer Profikarriere immer schon darauf abgezielt hatte, Belinda beim gemeinsamen Training so viel wie irgend möglich beizubringen.

Früh schon wurde der traumhafte Aufstieg seiner Tochter zur weltbesten Juniorenspielerin von allerlei Mythen und Vorbehalten begleitet. Mit 2 Jahren bereits soll sie die ersten Bälle geschlagen haben, um bald danach bereits täglich eine Stunde zu spielen, wird in diversen Medienberichten tradiert. In Uzwil hätten damals die FreizeitspielerInnen auf den Nebenplätzen getuschelt und in Abwesenheit von Ivan Bencic den Weg der ­Tennisfamilie kritisch hinterfragt, bestätigen diverse ostschweizer Lokalchronisten.

Sicher ist, dass Ivan Bencic bereits 2001 den Kontakt zu seiner späteren Mentorin Melanie Molitor gesucht hatte. Ivan Bencic: ''Ich wollte Belinda testen lassen und Melanie ­Molitor war die einzige Person, der ich diese Fähigkeit attestierte.'' Molitor sah in Belinda Bencic jene Fähigkeit, die sie dereinst zu einer erfolgreichen Profispielerin machen könnte. Auch in ihrem Wertekanon ist der Begriff des Talents dabei ein sehr komplexer. Trainierbarkeit, technisches und taktisches Verständnis, Wille zur Arbeit sind Ingredienzien, die im Universum von Melanie Molitor und Ivan Bencic über Erfolg und Nichterfolg einer Karriere entscheiden. Der Erstkontakt zu Melanie Molitor sollte für das ''Tennisprojekt'' Belinda Bencic der Start zu einer geradezu vorbildlichen Tennisschulung werden.

Nur dank Investor möglich

In der Folge trainierten Belinda und Ivan Bencic bei Melanie Molitor in Wollerau – für beide eine so harte wie fachlich grandiose Ausbildung. Ab 2004 wurde der Trainingsaufwand mit der immensen Fahrerei primär für Belinda Bencic zu gross. Die Bencics übersiedelten prompt nach Wollerau. Der Arbeitsweg für Vater Ivan – er arbeitete als Versicherungsmakler – wurde dadurch um eine Stunde länger – ein längerfristig unmöglicher Zustand. In Ivan Bencics Jugendfreund Marcel Niedermann (sie spielten gemeinsam Eis­hockey) wurde extrem früh ein Investor gefunden, der die notwendige Professionalisierung des Bencis-Teams zuliess.

Der Aufstieg des extrem ehrgeizigen Vater-Tochter-Gespanns verlief so rasant, dass sich selbst eher tennisscheue Medien wie etwa die Coop Zeitung oder auch die deutsche Wochenzeitung ''Die Zeit'' erstaunlich früh in grossen Reportagen dem ''Wunderkind'' und dem für Schweizer Verhältnisse extrem konsequenten und furchtlosen ''Tennisprojekt'' widmeten.

Die weltbeste Juniorin

Was folgte, war ein unaufhaltsamer Aufstieg, der Belinda Bencic zur weltbesten Juniorin machte. 2013 manifestierte sich ihr Talent und ihre Arbeit mit den beiden Juniorinnen-Grand-Slam-Titeln an den French Open sowie in Wimbledon. Selbstredend ging der Aufstieg nicht ohne ­mediales Getöse vor sich, und früher als erwartet war auch die US-Sportvermarktungsagentur Octagon auf die attraktive Juniorin aufmerksam geworden.

Jene arbeitete daran, die Marke Bencic auf dem Weltparkett zu installieren – ein Unterfangen, dass mit Blick auf ihr fabulöses Startjahr auf der WTA-Tour nun deutlich einfacher sein dürfte. Überhaupt geniesst die sympathische Ostschweizerin auf der Tennisweltbühne grossen Respekt. Experten loben ihre moderne Technik, ihre Übersicht, ihre Positionierung unmittelbar an der Grundlinie. Ivan Bencic nennt diese von Melanie Molitor einverleibte Gesamtarchitektur ''easy power''.

Lobeshymne von Serena Williams

Darüber, dass der Weg der 17-Jährigen enorm weit gehen könnte, ist sich die Branche überraschend einig. Die deutlichsten Worte über das Potenzial von Belinda Bencic fand übrigens die Weltranglisten-Dauerregentin Serena Williams. ''Ich habe sie beobachtet. Ihre Technik ist unglaublich. Es ist schwer zu sagen, aber wenn ich sie so sehe, dann könnte das der Anfang einer Ära sein.''

 

Ivan Bencic meistert seine Doppelrolle als Vater und Coach umsichtig und mit aller Konsequenz. Er ist der Baumeister des ''Tennisprojekts Belinda Bencic''. Er versteht sich bis heute als erweiterter Arm seiner Mentorin Melanie Molitor.

Melanie Molitor ist die Architektin von ­Belinda Bencis Tennis. Bereits 2001 liess Ivan Bencic seine Tochter bei ihr ''testen''. 2004 zügelte der Bencic-Clan nach Wollerau, damit Belinda Bencic bei Melanie ­Molitor in den kommenden acht Jahren eine vollständige technische und taktische Ausbildung bekommen sollte.

Begehrte Werbepartnerin: Die Wahl zur Newcomerin des Jahres im Dezember 2013 anlässlich der alljährlichen Schweizer Sportgala war kein Zufall. Belinda Bencic ist eine Sympathieträgerin und eine perfekte Werbepartnerin, wie ihr Sponsoren-Portfolio belegt.

Martina Hingis war für die Familie Bencic Inspiration und Vorbild in einem. Belinda Bencic spielt heute das gleiche Racketmaterial und ist auch beim gleichen Bekleidungsausrüster unter Vertrag. Obwohl Martina Hingis ihre eigene Doppelkarriere erfolgreich vorantreibt, berät sie das Team Bencic bei Turnieren vor Ort.

Marcel Niederer ist ein Jugendfreund von Ivan Bencic, Belinda Bencics Manager und der grosse Investor innerhalb des ehrgeizigen Tennisprojektes. Während der bisherigen gut acht Jahre als Geldgeber solle er Schätzungen zufolge über eine Million Franken in das visionäre Projekt investiert haben.

Die amerikanische Sportvermarktungsagentur Octagon hat das Talent und das Werbepotenzial der Ostschweizerin erkannt. Im Juli 2014 wurde der Vertrag zwischen den Parteien verlängert. Octagon übernimmt dabei die weltweite Vermarktung, Marcel Niederer ist für die Schweizer Partner zuständig.

 

Die Höhepunkte von Belinda Bencic in der Saison 2014

1. Noch vor dem Start ins Tennisjahr 2014 gab es für Belinda Bencic Mitte Dezember 2013 vor mehreren Hunderttausend ZuschauerInnen an den TV-Geräten eine besondere Motivationsspritze. Die Ostschweizerin wurde im Rahmen der alljährlich pompös angelegten SRF-Sportlergala zur Schweizer Newcomerin des Jahres gewählt.

2. Belinda Bencic startete nach einer intensiven Vorbereitung bei ihrem ersten Grand-Slam-Turnier auf der Profitour ausgezeichnet. Bei den Australian Open überstand sie erst die drei Qualifikationsrunden und bezwang in der Startrunde die routinierte Japanerin Kimiko Date-Krumm (damals WTA 80) in einem harten Kampf. In der zweiten Runde scheiterte sie dann an Na Li, damals die Nummer 4 der Weltrangliste.

3. Im April setzte Bencic das erste grosse Ausrufezeichen auf der Erwachsenentour. In Charleston spielte sie sich bis in die Halbfinals vor und besiegte dabei unter anderen die damalige Weltnummer 11 Sara Errani. Der Exploit bescherte ihr ein Preisgeld von über 30000 Dollar und 210 WTA-Punkte.

4. Während sie an den French Open bereits in der ersten Runde scheiterte, gelang Belinda Bencic in Wimbledon ein ausgezeichnetes Grand-Slam-Turnier. Sie erreichte die dritte Runde, wo sie an der damaligen Weltnummer 3 Simona Halep scheiterte. Das ''Team Bencic'' verliess London mit einem Preisgeld von rund 110000 Dollar und weiteren 130 WTA-Zählern. Mindestens so wichtig: Belinda Bencic hatte sich einmal mehr bei einem Grossevent kolossal gesteigert.

5. Nach schwächeren Resultaten auf der amerikanischen Spätsommer-Hardplatztournee überraschte Benlinda Bencic selbst die grössten Optimisten mit ihren Auftritten an den US Open. Bencic spielte entschlossen, technisch wie immer brillant, kämpferisch und bewies zudem Nervenstärke. Auf ihrem Weg in die Viertelfinals schlug sie mit Kerber und Jankovic die Nummern 7 und 10. 430 WTA-Punkte und ein Preisgeld von 364000 Dollar waren der Lohn.

6. In Tianjin (China) beendet die sympathische Newcomerin eine grossartige Saison mit einem weiteren Höhepunkt. Sie erreicht das Finale, welches prompt vom Schweizer Fernsehen übertragen wurde. Bencic scheiterte zwar in ihrem ersten Endspiel, sichert sich aber weitere 180 Punkte, ein Preisgeld von 214000 Dollar und Platz 33 im WTA-Ranking.

Michael Hasler