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Stammbach: ''Sieht vielversprechend aus''

Etwa 1,5 Millionen Franken wird das Schweizer Davis-Cup-Märchen dem Verband in die Kassen spülen. Geld, welches den Generationen nach Federer und Wawrinka zugute kommen wird. Doch der Davis-Cup-Sieg ist nur der eine Höhepunkt in René Stammbachs bewegtem Jahr als Swiss-Tennis-Präsident. Im ausführlichen Interview spricht er über seine eigenen Kandidaturpläne als ITF-Präsident, über den NLA-Interclub und die «Nach-Federer-Ära».

René Stammbach, Sie müssen aktuell einer der am meisten beneideten Verbandspräsidenten der Welt sein. Hatten Sie nach dem Davis-Cup-Sieg in Lille Reaktionen von anderen Präsidenten und Funktionären?

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René Stammbach: Es waren viele, ganz toll verhielten sich die französischen Funktionäre, die gleich nach dem Matchball gratulierten und klar machten, dass das Securitas Swiss Davis Cup Team die bessere Mannschaft war und wir den Sieg verdient hätten. In den ersten 24 Stunden nach der Partie kamen insgesamt rund 600 Glückwunsch-Mails und -SMS zusammen. Einer der Höhepunkte war natürlich auch die Präsenz von IOC-Präsident Thomas Bach, der in Lausanne persönlich zum Empfang des Teams erschien.

Wie haben Sie ganz persönlich den Davis Cup erlebt? Sind Sie jemand, der sich ganz fallen lassen kann, oder bleiben Sie von Amtes wegen eher distanziert und professionell?

Es ist manchmal schwierig, in einer emotionsgeladenen und spannenden Partie ''Contenance'' zu bewahren, und es gab Momente, in denen ich lieber inmitten der Fans meine Freude rausgeschrien hätte. In der ersten Reihe neben Spitzenpolitikern und -funktionären zu sitzen, heisst auch, die Schweiz zu vertreten, und da frisst man halt die Spannung in sich rein. Aber seien wir ehrlich, das ist eher ein Luxusproblem.

Was hat der Davis Cup der Marke Swiss Tennis auf den verschiedenen Ebenen gebracht?

Sehr viel. Davon wird sich ein grosser Teil erst im Nachhinein materialisieren lassen und wir sind jetzt gefordert, diese – aus Swiss-Tennis-Sicht – historische Tatsache, als 14. Land überhaupt in der über 100-jährigen Geschichte den Davis Cup gewonnen zu haben, imagestärkend umzusetzen.

Natürlich müssen wir über Geld reden. Ist heute schon klar ersichtlich, wie viel Geld Swiss Tennis via Davis Cup – also Heimspiele, Sieg in Lille, Vermarktung – generieren konnte?

Das dürfte netto – also nach Abzug aller Kosten und Spieleranteile – auf etwa ­1,5 Millionen Franken hinauslaufen.

Was passiert nun mit diesem für Swiss Tennis so nicht budgetierten und durchaus ansehnlichen Betrag?

Anfang der Neunzigerjahre haben wir den «Fonds Spitzensport/Nachwuchsförderung» begründet, der die starken finanziellen Schwankungen (Heimspiele/Auswärtsspiele je nach Los) «auffangen» soll, damit die normale Verbandsrechnung nicht ständig von diesen Einflüssen betroffen ist. Konsequenterweise schreiben wir diesen – in der Fachsprache ausgedrückt – ausserordentlichen Erfolg diesem Fonds gut.

Swiss Tennis hatte die Idee, den Davis-Cup-Pokal an Clubs oder Firmen zu vermieten und die entsprechenden Einnahmen der Nachwuchsförderung zukommen zu lassen. Hat die Idee Anklang gefunden und wem soll im Idealfall wie viel Geld zugesprochen werden?

Das diesbezügliche Konzept steht und wird – begleitet von Ringier als Medienpartner – am 21. Dezember anlässlich des «Match for Africa» in Zürich lanciert. Wir rechnen für das Jahr, in denen uns der Pokal zur Verfügung steht, mit Einnahmen von bis zu 500000 Franken, die der «Stiftung Swiss Tennis» zufliessen werden. Der Stiftungsrat entscheidet auf Antrag unserer Fachleute über Zuwendungen. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass jetzt sehr viel mehr an Geld ausgeschüttet wird, da wir mit der Stiftung einen Subventionshorizont von zehn Jahren haben.

Analysiert man das aktuelle Davis-Cup-Team, so ist unübersehbar, dass praktisch alle Spieler unterschiedliche Wege gegangen sind, um hierher zu gehen. Hier mengen sich Verbandsstrukturen mit privaten Strukturen und natürlich Kombinationen daraus. Ist diese Vielfalt eines der Hauptgeheimnisse des Schweizer Tenniswunders?

Ich denke, es war eine gute Entscheidung, allen potenziellen Spitzenspielern die Wahl ihres Ausbildungsweges autonom zu überlassen. Swiss Tennis hat zwar den Anspruch, in der Schweiz mit die beste Kaderschmiede zu sein, ist aber auch völlig offen, wenn Athleten andere Wege wählen (inländische Schulen, private ­Basis, ausländische Akademien etc.), und unterstützt sie auch finanziell dabei, wenn sie die Voraussetzungen dazu erfüllen.

Bis auf Stan Wawrinka befinden sich sämtliche Davis-Cup-Helden in einem Alter, in dem viele andere Spieler ans Aufhören denken. Was ist in ein, zwei Jahren mit dem Schweizer Tennis? Viele Experten sprechen von einem gewaltigen Vakuum. Was wurde verpasst? Oder haben Sie eine andere Erklärung?

Wir müssen uns – und das betone ich seit Jahren immer wieder – auf eine ''Nach-Federer-Zeit'' mit deutlich tieferer Erwartungshaltung einrichten. Roger ist ein Jahrhunderttalent und die gibt es definitionsgemäss nicht im Multipack. Vergleichen wir die Dichte der Spitzenathleten mit ausländischen Verbänden, stehen wir als relativ kleines Land heute überdurchschnittlich komfortabel da. Wo sind die Top-5-Spieler aus den grossen Grand-Slam-Nationen wie Australien, Grossbritannien und den USA, die jährlich je über 100 Mio. Franken zur Verfügung haben? Wo sind die Schweden, Rumänen und andere, die in der Vergangenheit Geschichte geschrieben haben? Ich will Swiss Tennis mit diesen Fragen nicht aus der Verantwortung nehmen, weiterhin hart daran zu arbeiten, damit wir Top-Stars haben. Aber es zeigt auch auf, dass Erfolg weder mit Geld noch mit guten Ausbildungsplänen zu kaufen ist – vielfach hängt es von Faktoren ab, auf die ein Verband keinen oder wenig Einfluss hat.

Ein Blick aufs aktuelle ITF-Juniorenranking verrät, dass Johan Nikles auf Rang 41 der bestklassierte Schweizer Junior ist. Das ist nicht eben berauschend. Wo bleibt der Leistungsausweis von Swiss Tennis?

Johan wird als jetzt noch 17-Jähriger bei den U18 ab 1. Januar 2015 – wenn der ältere Jahrgang nicht mehr in der Klassierung figuriert – wahrscheinlich den Top 25 der Welt angehören. Das ist – auch wieder vergleichsweise – eine hervorragende Klassierung. Zudem sieht es mit jüngeren Spielern vielversprechend aus und ich erwarte da klare Aufwärtssignale. Unter dem Strich und ohne es schönzureden, ist aber klar: Swiss Tennis bleibt gefordert.

Die Schweiz ist mit Blick auf die drei bestklassierten Junioren im ITF-Ranking sogar noch etwas schlechter aufgestellt als Belgien. Wo sehen Sie Veränderungsbedarf?

Wir müssen unsere Mittel auf allen Stufen effizient einsetzen, was in einem föderativen, nicht zentralistischen System wie etwa in Frankreich auf Schwierigkeiten stossen kann. Wir machen uns zurzeit auf Stufe Zentralvorstand Überlegungen, wie wir unsere Struktur mit 19 Regionalverbänden optimieren – will heissen zumindest auf Fachebene reduzieren – können, ohne ihre juristische Integrität zu tangieren. Daran arbeitet neu eine Arbeitsgruppe, die u. a. das Ziel hat, die Tennisschweiz in neu weniger Einheiten zu gliedern – wir sprechen von 6 bis 8 sogenannten ''Nachwuchs-Förderungs-Regionen''. Zudem werden wir im kommenden Jahr das Modell der Partnerakademien überprüfen und allenfalls strukturell und finanziell optimieren. Persönlich glaube ich, dass wir mittelfristig dezentral mehr Mittel investieren müssen.

Bei den Mädchen ist Jil Teichmann die Nummer 4 im Ranking. Wäre es denkbar, dass nach den Männern in den kommenden 3 bis 5 Jahren das Fed-Cup-Team zu einem Exploit startet?

Das wäre natürlich super – insbesondere wenn ich an die ''Newcomerin'' des WTA-Jahres, Belinda Bencic, denke. Mit Timea Bacsinszky und Steffi Vögele als weitere Teamstützen haben wir eine vielversprechende Ausgangslage, im Fed-Cup-Wettbewerb inskünftig weit nach vorne zu kommen.

Was sind weitere Highlights Ihres Präsidialjahres?

Sportlich gesehen zweifelsohne als Erstes – auch zeitlich gesehen – der Sieg von Stan Wawrinka am Grand-Slam von Australien; zudem konnte Stan auch noch den Titel am ATP 1000 von Monte Carlo gewinnen. Dann die Konstanz von Roger Federer mit seiner Finalteilnahme in Wimbledon und zwei weiteren Grand-Slam-Halbfinals sowie den Gewinn zweier ATP-1000-Turniere in Cincinnati und Shanghai. Dazu kommt Belinda Bencic mit einem ausgezeichneten Jahr, in dem sie von der WTA zur Newcomerin des Jahres gewählt wurde, und nicht unerwähnt sei auch die Goldmedaille von Jil Teichmann im Mixed Doubles – zusammen mit dem Polen Jan Zielinski – an den Youth Olympic Games in Nanjing.

Auf Funktionärsebene will ich zuerst das hervorragende Finanzergebnis von Swiss Tennis erwähnen. Neben den bereits erwähnten Gewinnen im Davis Cup schliesst auch unsere ordentliche Verbandsrechnung mit gegenüber Budget doppeltem Gewinn ab. Dazu sind die finanziellen Erfolge der ITF – aus Sicht als Chairman des ''ITF Finance Committee'' – und die für nationale Verbände sehr bedeutsamen marketingmässigen Änderungen im Davis und Fed Cup erwähnenswert. Ein sehr trauriges Ereignis war dieses Jahr der Verlust meines Freundes und Vizepräsidenten von Swiss Tennis, Erik Keller, der massgeblich an vielen Fronten für unseren Verband positiv im Einsatz stand.

Wo liegt Arbeit vor Ihnen, was bereitet Ihnen Sorgen?

Die wesentlichen Aufgaben wurden bereits erwähnt. Generell müssen wir auch im Breitensport dazu beitragen, den Clubs neue Mitglieder generieren zu helfen. Einer der vielversprechenden Pläne ist das im Frühjahr startende ''Kids Tennis''-Projekt, in das wir investieren werden. Weiter steht das «going live» der neuen Website kurz bevor – ein Projekt, das vor einem Jahr begonnen wurde und viel materielle und zeitliche Ressourcen gebunden hat. Mit dem ''Annual General Meeting'' von Tennis Europe in Lausanne steht uns eine weitere organisatorische Herausforderung ins Haus.

Eine Baustelle ist sicher der NLA-Interclub. Es gab eine Flut an Teamrückzügen und sehr viele Teilnehmende sind mit der medialen Vermarktung überhaupt nicht zufrieden. Wie soll es hier weitergehen?

Das macht mir eigentlich weniger Sorgen, im Gegenteil: der Markt hat hier diesen Wettbewerb – ich meine positiv – geregelt. Die Diskrepanz an zur Verfügung stehenden Mitteln zwischen den Clubs ist natürlicher geworden, die Spiesse auf mehr oder weniger Einheitslänge genormt. Mit den Reglementsänderungen erhalten junge Schweizer Spieler mehr Einsatz- und Verdienstmöglichkeiten, die neue Zusammenarbeit mit Teleclub bringt erstmals nachhaltige TV-Präsenz.

Swiss Tennis kommuniziert aktuell mit einem Newsletter, der nicht nur Anklang findet. Gibt es Strategien, die Kommunikation neu anzudenken?

Da haben Sie offenbar andere Indikatoren als ich. Die Öffnungsraten haben prozentual weiterhin zweistellig zugenommen und wir versprechen uns mit der Lancierung der neuen Website noch bessere Werte. Zudem hat uns der Internationale Tennisverband (ITF) diesen Monat attestiert, dass wir im Bereich der sozialen Medien zu den weltweit führenden nationalen Tennisverbänden gehören.

Kommen wir noch zu Ihrer eigenen Zukunft. Wo stehen Sie in der Kandidatur zum Präsidenten des Internationalen Verbandes (ITF)?

Um Kandidat zu sein, braucht es zuerst eine Vakanz. Der amtierende Präsident hat sich dazu noch nicht öffentlich geäussert. Sollte dies erwartungsgemäss demnächst passieren, gilt es, Chancen abzuwägen und anschliessend Entscheide zu treffen.

Haben Ihnen der Davis-Cup-Sieg sowie Rogers und Stans Erfolge Rückenwind gegeben oder ist das eine rein analytisch-politische Wahl?

Falls es die Wahl eines neuen Präsidenten geben sollte, wäre das einer allfälligen Kandidatur sicher nicht hinderlich (schmunzelt).

Michael Hasler

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