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Lammer: Der harte Krampfer für das Team

Mit dem historischen Davis-Cup-Triumph in Lille ist Michael Lammer die Krönung seiner Tenniskarriere gelungen. Jetzt, im Alter von 32 Jahren, beschäftigt sich der Dübendorfer auch mit der Zeit danach. Insbesondere ein Job in den Bereichen Sportmarketing oder Eventmanagement würde ihn reizen.

Die Enttäuschung war natürlich da. Wochenlang hatte Michael Lammer auf einen Einsatz auf der grösstmöglichen aller Tennisbühnen hoffen dürfen, im Doppel des Davis-Cup-Finals in Lille. Wochenlang hatte er diesem Ziel alles untergeordnet, wochenlang war der Einzelspieler zusammen mit Kollege Marco Chiudinelli zum Doppelspieler mutiert, um grösstmögliche Fortschritte in dieser Disziplin zu erzielen.

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Dann - es stand an jenem Freitagabend 1:1 in Lille - fiel der unumstössliche Entscheid, dass die Schweiz am Samstag auf ''Fedrinka'' setzen würde. ''Natürlich hätte ich gerne gespielt, aber das Team ist das Wichtigste und es war in diesem Moment die beste Entscheidung'', blickt Lammer zurück, ''ich hatte die Situation ja schon oft ähnlich erlebt. Ich musste immer parat sein, wusste aber zumeist nicht, ob ich spielen werde.''

Punkt für Punkt

Und so erlebte Michael Lammer dann das gesamte historische Weekend als Zuschauer. Angespannt bis zur buchstäblich letzten Sekunde, wie er sich heute erinnert. Nun, einige Monate später, sitzt er ganz entspannt im Café des Tenniscenters in Langnau am Albis und erinnert sich vergnügt an die entscheidenden Momente in Lille zurück.

''Ich weiss, Journalisten hören das nicht so gerne, aber man muss einfach Punkt für Punkt nehmen. Es hat sich in einem Tennismatch schon so oft gezeigt, dass so viel Unvorhergesehenes passieren kann.'' Und so liess die Anspannung auch bei ihm auf der Bank erst etwas nach, als sich sein Jugendfreund Roger Federer beim Stand von 6:4, 6:2, 5:2 zum letzten Mal hinsetzte, erneut ein Doppelbreak gegen Richard Gasquet im Rücken.

''Da wusste ich: Jetzt sind wir verdammt nahe.'' Wenig später dann der grosse Moment, als die Dämme brachen: ''Ich sehe Rogers letzten Ball noch genau vor mir. Ein Rückhand-Stoppball, der wie in Zeitlupe übers Netz segelte, und dann war es einfach fertig. Dann folgten nur noch Emotionen.''

Ein Maximum an Glückseligkeit

Die Gratulationen untereinander, die Ovationen der Fans, die Ehrenrunden, die Siegesfeier, erste Interviews – ein Maximum an Glückseligkeit. ''Es war einfach wunderschön, das mit so vielen guten Leuten teilen zu können, den Teamkollegen, aber auch dem Staff.''

Und danach tat sich für Lammer eine andere Welt auf, eine unbekannte. Der Empfang am Tag danach in Lausanne vor Tausenden Fans, so ''wie ich das nur von der Fussball-Nati kannte'', die Einladungen an die Sports Awards (mit anschliessender Wahl zum Team des Jahres) und an das ''Match for Africa''. ''Es war einzigartig. Vor allem hatten wir die Möglichkeit, noch einmal viel Zeit miteinander zu verbringen, das war wunderschön.''

Mit dem finalen Triumph hatte auch die Achterbahnfahrt der Davis-Cup-Emotionen geendet; jene latente Ungewissheit, ob es die Schweiz einmal schaffen würde, das zweifelsfrei vorhandene Potenzial in diesem so unberechenbaren Wettbewerb im richtigen Moment abzurufen. Eine Ungewissheit, die auch Lammer beschäftigt hatte. ''Natürlich, ich hatte Zweifel. Persönlich, weil ich ja auch nicht wusste, wie lange ich von der Gesundheit und dem Niveau noch würde mithalten können, und allgemein, weil natürlich doch vieles von unseren beiden Ausnahmespielern abhing. Es muss einfach alles zusammenpassen. Wir haben es ja auch ein paar Jahre lang probiert und es gab ja auch 2014 einige heikle Momente.''

Auch ideal als ''fünfter'' Mann

Die Tage von Lille waren ein Spiegelbild seiner persönlichen Nationalmannschafts-Karriere. Seit seiner Premiere 2006 – eine Viersatz-Niederlage in Genf gegen den Australier Peter Luczak – hatte er immer dem harten Kern angehört. Elf Matches weist seine Davis-Cup-Statistik mittlerweile auf, inklusive einer makellosen 3:0-Bilanz im Doppel notabene. Hinzu kommen ungezählte Momente, in denen er als Nummer 3 oder 4 nicht zum Einsatz kam, und ebenso einige, in denen er kurz vor der Auslosung als fünfter Mann über die Klinge springen musste.

Gerade in solchen Situationen zeigt sich, ob einer ein Teamspieler ist oder nicht. Lammer hat auch in diesem Umgang mit der Rolle als ''fünfter Mann'' oft genug bewiesen, dass er einer ist. ''Natürlich ist es nicht toll, wenn man weiss, dass man das gesamte Wochenende nicht einsatzberechtigt ist. Aber was bringt es, wenn ich dann einen Lätsch reisse? Nichts, weder mir noch dem Team, das hat nur Negatives.''

Und so hat Michael Lammer auch in jenen Momenten die persönliche Enttäuschung immer so schnell wie möglich überwunden und sich in den Dienst des Gesamtprojektes gestellt, ähnlich konsequent wie sein langjähriger Teamkollege Yves Allegro. Für Lammer stehen in einem Team immer gewisse Werte im Vordergrund: ''Es geht auch um Verantwortung und Respekt den Teamkollegen gegenüber und allen anderen, die dazugehören. Die eigenen Interessen müssen hintenanstehen, ich versuche immer, dem Team so gut wie möglich zu helfen, in welcher Form auch immer.''

''Ein enormes Privileg''

Das ist ihm über all die Jahre sehr gut gelungen, sein Status im Team war oft besser als sein Ranking. Ihm ist auch bewusst, dass er im Kampf um die Salatschüssel sein persönliches Tennismärchen erlebt hat: ''Ich bin mir absolut bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, mit meinen Erfolgen im Einzel und Doppel so lange in der Weltgruppe dabei sein zu können und jetzt sogar noch den Pokal gewinnen zu dürfen. Das ist ein enormes Privileg.''

Für Lammer waren die Tage im Davis-Cup-Team seit gut einem Jahrzehnt immer wieder Höhepunkte, die Kür in einer Tenniskarriere, die oft genug auch Pflichterfüllung auf einem Aussenplatz fernab jeglicher Schlagzeilen bedeutete. Beispielsweise bei einem Future-Turnier in der Türkei, jener untersten Stufe der ATP-Turniere, in der all die hungrigen Nachwuchs-Professionals ihren Träumen nachjagen, gemeinsam mit der älteren Garde, die versucht, ihrer Tennislaufbahn neuen Schwung zu verleihen.

Für ihn war es nicht schwierig, mit diesem monumentalen Unterschied zwischen Glamour und Glanzlosigkeit umzugehen. ''Man muss sich auch bewusst sein, wieso man etwas macht. Ich habe auch so viel investiert, um Sachen wie den Davis Cup zu erleben, und da kann einem auch ein Sieg auf Platz 15 irgendwo im Niemandsland sehr viel geben. Es sind nicht nur die grossen Auftritte, die einem in Erinnerung bleiben.''

Gegen Roddick unter Scheinwerfern

Auf der individuellen Tour gab es für den neben dem Platz so ruhigen Lammer, der die Emotionen auf dem Platz nicht immer kontrollieren konnte, weniger Glanzmomente, aber einige herausragende. So 2005, als er am US Open nach überstandener Qualifikation und einem Sieg gegen Kevin Kim die 2. Runde erreichte, oder fünf Monate später, als er in Melbourne erneut die Ausscheidung überstand und mit einer ''Night Session'' gegen Andy Roddick in der Rod-Laver-Arena belohnt wurde.

Oder generell die Auftritte bei den Swiss Indoors, an denen er zweimal die Achtelfinals erreichte und Kaliber wie Bernard Tomic, Marco Chiudinelli und Michail Juschni schlug.

Nicht zu vergessen der Doppel-Titel in Gstaad an der ­Seite Chiudinellis. ''Die Turniere in der Schweiz sind einfach speziell. So viele Leute kommen zuschauen, die sonst, ausser im Interclub, keine Chance haben, mich einmal live spielen zu sehen. Insgesamt bleibt aber die Partie gegen Roddick das Highlight. Schon der Walk on court war elektrisierend, die Ambiance genial und im ersten Satz habe ich gut mitge­halten. Dann ist mir etwas die Luft ausgegangen.''

Die Karriere danach?

In seiner Profizeit hat der ZSC-Fan, der einst als Dreikäsehoch im TC Valsana das Tennis-ABC erlernte und häufig mit seiner älteren Schwester Dominique spielte, nicht nur das Tennisrechteck im Kopf gehabt. In den letzten vier Jahr en hat er ein Fernstudium in Wirtschaft absolviert, das er mit dem Bachelor-Diplom abgeschlossen hat, und im Gegensatz zum Vorjahr beschäftigt er sich nun auch mit der Karriere danach. ''2014 war das noch keine Option, da zählte nur der Davis Cup. Jetzt überlege ich mir aber vermehrt, wie es weitergehen soll.''

Nach einer Handgelenkverletzung hat Lammer im Januar das Training wieder aufgenommen und plant, im Februar wieder ins Turnierwesen einzusteigen. Parallel dazu sondiert er aber Möglichkeiten, ohne dass ''ich nun 1000 Stelleninserate lese''. Falls sich aber am richtigen Ort eine Türe öffnen sollte, speziell in den Bereichen Sportmarketing oder Eventmanagement, dann kann es auch schnell gehen: ''Dann ist es gut möglich, dass ich sage: Es stimmt so für mich, das war’s, jetzt packe ich die nächste Herausforderung an.'' Zweifelsohne wiederum als loyaler, fleissiger und intelligenter Teamplayer. Qualitäten, die auch im Berufsleben gefragt sind.

Marco Keller