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Erst Mozart, nun eine Doppel-Queen

Gut möglich, dass die 34-jährige Martina Hingis aktuell die beste Doppelspielerin auf der Tour ist, obwohl sie gegenwärtig (noch) an Position 4 geführt wird. Vier Doppeltitel hat die Grande Dame des Schweizer Tennissports in diesem Jahr bereits gesammelt und wirkt bei ihren Auftritten ebenso unbeschwert wie unaufhaltsam. Auch bei ihrem mittlerweile dritten Comeback scheint der Himmel das Limit für sie zu sein – und das ist gut so.

Mit 34 ist Martina Hingis wieder dort angekommen, wohin ihr Weg eigentlich immer schon vorgeschrieben war: mitten im Rampenlicht des Tennisbetriebs und tief in den Herzen der globalen Fans. Hingis wirkt bei ihrem mittlerweile dritten Comeback unerhört unbeschwert und innerlich gefestigter, als man dies bei ihr je erwarten hätte dürfen.

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''Tennis hat mir stets Halt gegeben''

Für eine, die bereits mit 22 das erste Mal zurücktrat und später mit 27 nach einer Sperre (bei ihr wurden bei einer routinemässigen Dopingkontrolle Spuren von Kokain gefunden) zurücktrat, ist Martina Hingis dem Tennis erstaunlich treu geblieben. Und jenes hat die ''Swiss Miss'' umgekehrt nie vergessen. Im Gegenteil: es scheint bei den Fans noch immer eine Art Sehnsucht nach einer Spielerin wie ihr zu geben.

Denn Hingis war nichts weniger als der Mozart (eine weibliche Analogie fehlt schlicht) des Tennisbetriebs. Wer etwa das einfühlsame Porträt über sie von Marco Keller in der Schweizer Tennisanthologie «Jubeljahre» liest, kann besser einordnen, was dieses Tenniswunderkind, später diese Tenniswunderfrau und nun dieses gereifte Tennisgenie diesem Sport geschenkt hat. Und invers ist es eine komplizierte, aber alles verzehrende Liebe, zu der auch Hingis sagt: ''Ich habe das Tennis immer gesucht, es hat mir stets Halt gegeben.''

Alle Altersrekorde gebrochen

Durchaus nachvollziehbar, dass eine wie sie in einem Sport mehr als Trophäen, vielmehr eine Art Zuhause suchte. Dabei war Hingis absurd früh in den Tourbetrieb hineinkatapultiert worden. Mit 9 Jahren gewann sie die U12-Kategorie an den Schweizer Meisterschaften. Das prestigereichste Juniorenturnier der Welt – ''Les Petits As'' – gewann sie noch vor 12 gleich zweimal. Mit 11 gewann sie in Klosters die Heim-EM der U18-Kategorie und ebenfalls mit 12 stemmte sie bei den Juniorinnen ihren ersten Grand-Slam-Pokal in Roland Garros gen Himmel.

Vier Tage nach ihrem 14. Geburtstag debütierte sie beim WTA-Turnier in Zürich auf der Tour und gewann vor 4000 euphorisierten Zuschauerinnen und Zuschauern prompt ­gegen die Nummer 45 der Welt. 1997 gewann sie mit 16 Jahren und 4 Monaten die Australian Open und kürte sich zur jüngsten Major-Siegerin der Tennisneuzeit. Zwei Monate später wurde sie mit 16 Jahren und 6 Monaten die jüngste Nummer 1 der Welt, eine Position, die sie in der Folge für 209 Wochen nicht wieder loslassen würde.

Der Rest ist Geschichte: Hingis gewann 43 Einzeltitel auf der Tour, davon 5 Grand-Slam-Turniere. Und ebenso eindrücklich liest sich auch ihr Doppelpalamarès. Als sie 2007, mit 27, ihren definitiven Rücktritt erklärt, ist es ein unversöhnlicher Abschied von einer mehr als versöhnlichen Karriere.

2. Comeback sehr überraschend

Damals hätte kaum ein Tennisjournalist einen erwähnenswerten Betrag auf eine erneute Tour-Rückkehr der Schweizerin gewettet. Anzeichen dafür gab es zwar, denn Hingis blieb mit dem Tennis extrem eng verbunden. Sie spielte etliche Exhibitions, war als Beraterin in der Mouratoglou-Akademie tätig, promotete die Modelinie ''tonictennis'', trat als Botschafterin diverser Marken auf, spielte immer wieder Teamtennis in den USA und begleitete zusammen mit ihrer Mutter Melanie Molitor auch die Karriere von Belinda Bencic.

Dass Hingis tatsächlich in ein zweites Comeback einlenken könnte, wurde erst 2013 greifbarer, als sie im Juli 2013 zusammen mit Daniela Hantuchova einzelne, allerdings weitgehend erfolglose, Einsätze im Doppel wagte. 2014 wurde bekannt, dass Hingis die deutsche Topspielerin Sabine Lisicki während der US Open betreuen würde. Ab März spielte das Gespann auch regelmässig Doppel auf der Tour – er sollte der ernsthafte Start der ­dritten Hingis-Ära werden. Jene hat die Grande Dame des Schweizer Tennis mittlerweile bis auf Rang 4 im Doppelranking geführt – Tendenz steigend.

Viele Experten beteuern, dass Hingis aktuell die beste Doppelspielerin der Welt sei. Unbestritten ist sie noch immer die variabelste und spielerischste Athletin auf der Tour. Ihre Zusage, gegen Polen im Schweizer Fed-Cup-Team anzutreten, ist nichts weniger als der Beleg, dass Hingis zumindest bis zur Olympiade in Rio dem Tennis erhalten bleiben soll. Eine wunderbare Fortsetzungsgeschichte für sie – aber vor allem auch für den Tennissport.

Michael Hasler