Live-Ticker
Ergebnisse
Alle
Schriftgröße: 
''Wenn ich eines nie war, dann langweilig''

''Wenn ich eines nie war, dann langweilig''
Martina Hingis befindet sich im dritten Frühling ihrer Tennis-Karriere. Trotz der Erfolge im Doppel bleibt von der ehemaligen Weltnummer 1 vor allem die intensive Einzelkarriere in Erinnerung. Im Interview blickt die bald 35-Jährige zurück - und voraus, denn ein Ende ihrer Sportler-Laufbahn ist vorerst nicht in Sicht.

Vor 21 Jahren begann Ihre Karriere. Nach zwei Unterbrechungen sind Sie heute wieder eine der besten Doppelspielerinnen der Welt und haben in Wimbledon im Doppel und im Mixed triumphiert. Geniessen Sie die Tour inzwischen mehr als früher?

Es fühlt sich ganz anders an. Als ich noch Einzel spielte, habe ich fast doppelt so viel trainiert wie heute. Inzwi­schen geniesse ich das Leben auf der Tour auf eine andere Art und Weise. Der Druck ist geringer. Abends gehe ich jetzt auch mal aus, um ein Glas Wein zu trinken. Die Erfolge, die noch kommen, betrachte ich als Bonus. Wimbledon war natürlich unglaublich – 17 Jahre nach meinem Einzelsieg dort. Ich habe immer daran geglaubt, dass es möglich ist, noch grosse Siege zu feiern.

Was hat Sie dazu bewogen, mit Anfang 30 auf die Tour zurückzukehren?

Das ergab sich, als ich 2014 mit Sabine (Lisicki, Anm. d. Red.) trainierte. Ich hatte zwar im Jahr zuvor schon ein paar Mal mit Daniela (Hantuchova, Anm. d. Red.) ge­spielt, aber ohne grössere Erfolge. Als Sabine und ich dann spontan in Miami starteten und die Doppelkon­kurrenz gewannen, war das grossartig – ein besonderer Erfolg, weil er aus dem Nichts kam. Damals habe ich gemerkt, dass ich im Doppel noch gut mithalten kann.

''Wenn ich eines nie war, dann langweilig''
Hatte die Zusammenarbeit mit Lisicki aufgrund unterschiedlicher taktischer Ideen nicht geklappt?

Nein, das nicht. Sie kam schon vorher fünf bis sechs Mal im Jahr mit ihrem Vater zu uns nach Hause und trainerte mit meiner Mutter. Sie kannte unsere Philosophie. Wir gingen damals auseinander, weil ich meine Priorität wieder auf die eigene Karriere legen wollte. Beides ging nicht. Sie brauchte einen festen Coach für das Einzel. Ich hätte ihr nicht in der nötigen Intensität helfen können.

Das Spiel ist nicht intelligenter geworden

Haben Sie überlegt, auch im Einzel noch einmal ein Comeback zu wagen?

Nein, überhaupt nicht! Ich müsste viel mehr trainieren, um mithalten zu können – vor allem im konditionellen Be­reich. Dass ich Anfang des Jahres im Fed Cup noch einmal zwei Einzel bestritt, war eine Ausnahme. Ich dachte, es sei die beste Chance. Ich war immerhin knapp davor, einen Punkt zu holen, führte 6:4, 5:2 gegen Urszula Radwans­ka. Gegen Agnieszka hatte ich zwar einen guten Match gespielt, aber war letztlich chancenlos. Es geht mir nicht darum, hier und da einen Match zu gewinnen. Solange ich spiele, möchte ich Titel holen – das ist es, was zählt. Ich gebe lieber Vollgas im Doppel, anstatt im Einzel irgendwo zwischen Platz 30 und 50 zu stehen. Wenn man einmal die Nummer 1 war, hat man hohe Ansprüche.

Spielen Sie heute besser Doppel als früher Einzel?

Wenn man sich die Zahlen anschaut, ja. Ich habe neun Grand­-Slam­-Turniere im Doppel gewonnen, im Einzel nur fünf. Doppel hat mehr mit Strategie und Taktik zu tun, das liegt mir – auch wenn es heute viel schneller ist als früher. Die Spielerinnen schlagen besser auf, returnieren aggressiver. Aber das Spiel ist nicht intelligenter geworden, deswegen kann ich noch bei den Besten mitspielen.

Kimiko Date-Krumm spielt im Alter von 44 Jahren noch immer im Doppel und Mixed. Sehen wir Sie in acht, neun Jahren auch noch auf der Tour?

Ich denke nicht (lacht)! Man sollte niemals nie sagen – aber das kann ich mir definitiv nicht vor­stellen. Ans Aufhören denke ich allerdings auch noch nicht. Dafür läuft es momentan zu gut.

Vermissen Sie nach den vielen Jahren kein normales Privatleben?

Ich war einmal drei und einmal sieben Jahre weg von der Tour, habe nur gelegentlich Schau­kämpfe und Team­ Tennis in Amerika gespielt. Damals hatte ich viel Zeit für andere Dinge. Aber Tennis war schon immer mein Leben, mir fehlt es an nichts.

Ich hatte eine normale Kindheit

Als Sie 1994 mit gerade einmal 14 Jahren Profi wurden, waren Sie noch ein Kind. Würden Sie diese Entscheidung noch einmal so treffen?

Auf jeden Fall! Ich finde es schade, dass die Mädels heutzutage erst so spät die Chance bekommen, bei den Profis mitzumischen. Wenn man jung ist, lernt man schneller und besser. Man wird früher mit dem Profitennis konfrontiert, das hilft einem später. Ich denke, spätestens mit 16 Jahren müssen die Spielerinnen den Übergang zu den Damen wagen. Klar, man verliert schneller Matches und spürt, dass das Niveau höher ist als im Juniorenbereich. Aber je früher man diese Erfahrungen macht, desto besser.

''Wenn ich eines nie war, dann langweilig''
Haben Sie es jemals bereut, keine normale Kindheit erlebt zu haben?

Wer sagt, dass ich die nicht hatte? Ich bin mit vielen Kids auf dem Tennisplatz aufgewachsen, anfangs in Tschechien, später in der Schweiz. Wir waren bis zu 14 Kinder auf den Courts und haben dort alle unsere Kindheit verbracht. Es war eine schöne Zeit, an die ich gern zurückdenke. So, wie es häufig dargestellt wurde, dass ich nur unter Druck auf dem Platz stand und trainieren musste, war es nie. Meine Mutter war immer dabei, hatte stets die Übersicht über alles. Aber ich war jederzeit frei und konnte meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich hatte eine normale Kindheit.

Mir waren die Tränen nicht unangenehm

Wie sehr hatte die Rivalität zu Steffi Graf die ersten Jahre Ihrer Karriere geprägt?

Letztlich haben wir ja gar nicht so oft gegeneinander gespielt (neunmal, 7:2, für Graf, Anm. d. Red.). Als ich im März 1997 die Nummer 1 wurde, fehlte sie danach auf der Tour für mehr als ein halbes Jahr. Es war schade, weil unsere Begegnungen immer etwas Besonderes waren. Die Duelle waren sehr intensiv.

Vor allem das Endspiel in Paris 1999. Sie führten hoch und verloren doch noch. Am Ende servierten Sie von unten, weinten später in den Armen Ihrer Mutter. War es die bitterste Niederlage Ihrer Karriere?

Es ist keine Partie, an die ich gerne zurück­denke. Trotzdem bin ich stolz, ein Teil dieses Finals gewesen zu sein. Es gibt zwei Matches, die ich heute gern noch einmal spielen würde: das Australian­-Open-­Endspiel 2002 gegen Cap­riati und den Final von Roland Garros gegen Steffi. Die Emotionen waren damals heftig. Ich war 18 Jahre alt, extrem ehrgeizig und wollte unbedingt gewinnen. Aber mir waren die Tränen nicht unangenehm. Emotionen gehören dazu, damit es nicht langweilig wird. Und wenn ich eines nie war, dann langweilig (lacht).

Felix Grewe