Live-Ticker
Ergebnisse
Alle
Tennis
vs
Live
Tennis
Isner
Dimitrov
vs
Live
Tennis
Thiem
Ferrer
vs
Live
Tennis
Nadal
Kyrgios
vs
Live
Tennis
Kyrgios
Ferrer
01:00
Schriftgröße: 
Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Im Schatten des wieder erstarkten ''Mr. Tennis'' Roger Federer und dem Pariser Grand-Slam-Sieger Stan Wawrinka haben die Schweizer Tennisfrauen 2015 ein kleines Tenniswunder vollbracht, wie dies noch vor zwei Jahren undenkbar schien. Timea Bacsinszky und Belinda Bencic steuern unaufhaltsam auf die Top 10 zu, und die Grande Dame des Betriebs, Martina Hingis, belegte, dass sie noch immer die beste Doppelspielerin auf der Tour ist. Zusammen mit den Ergänzungsspielerinnen ist dem Trio auch im Fed Cup so ziemlich alles zuzutrauen.

Mitte 2014 entschied sich smash – für viele Tennisinsider überraschend - eine Titelgeschichte über Timea Bacsinszky in Form eines so umfangreichen wie offenen Interviews abzudrucken. Die Reaktionen waren durchmischt - nicht wegen der Qualität 
des Textes - sondern vielmehr wegen der ­Gewichtung der Geschichte.

Der Entschluss, die Geschichte zu bringen, war im Februar des gleichen Jahres in der kleinen Pariser Tennishalle Stade Pierre de Coubertin ge­fallen. Die Schweiz traf im Fed Cup auf die hochfavorisierten Französinnen. Wer Bac­sinszky damals spielen sah, wusste, wohin ihr Weg mit hartem Training und Konstanz führen könnte - eine Aussage, die gleichermassen auch für den Auftritt der entfesselt spielenden Belinda Bencic galt.

110 Plätze hochgeklettert

Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Timea Bacsinszky ihre im Vorjahr eigentlich beendete Tenniskarriere erfolgreich wiederbelebt. Bacsinszky war damals die Weltnummer 71, Belinda Bencic als bestklassierte Schweizerin die Nummer 63. Auf die obligate Schlussfrage, bis wohin sie ihr Comeback tragen könnte, sagte Bacsinszky salomonisch, dass sie für sich die Top 10 noch nicht ausgeschlossen habe. Eine Aussage, die vieles über das Feuer und die innere Wettkampfstärke der Lausannerin aussagt.

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Knapp anderthalb Jahre später haben ­Bencic und Bacsinszky rund 50 beziehungsweise 60 Plätze im Ranking gutgemacht. Beide haben zwei Turniere gewonnen, Bencic mit dem Turnier in Toronto gar einen Event der Premier-5-Klasse (Preisgeld 2 513 000 Dollar). Ende 2015 scheint dies ­alles vorhersehbar gewesen zu sein - zumindest vermittelt dies ein Blick in die gängigen Medien. Experten schreiben aktuell, dass der Aufstieg des Supertalents Belinda Bencic quasi von jeher klar gewesen sei. ­Vergessen sind die kritischen Stimmen, als die Resultate bei ihr im Frühling und Frühsommer 2015 durchzogen waren. Damals war von Stagnation der Karriere die Rede – aber der Tennisbetrieb vergisst schnell.

Im Nachhinein immer einfach

Auch bei Timea Bacsinszky, deren Talent angeblich immer sichtbar gewesen sei. Immerhin räumen die Experten ein, dass der Aufstieg erstaunlich sei, aber gemessen an ihren Möglichkeiten durchaus realistisch. Ein Monolith im Tennisbusiness ist seit 
Jahren Tennisexperte Heinz Günthardt.

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Er, der mit Grössen wie Steffi Graf, Jennifer Capriati oder Ana Ivanovic arbeitete, ist weit nüchterner in seiner Analyse als das Gros seiner Kollegen. ''Im Nachhinein ist das immer sehr einfach. Aber ganz ehrlich, ich hätte vor zwei Jahren sicher kein Geld darauf gewettet, dass wir Ende 2015 mit zwei Schweizer Spielerinnen an die Top 10 anklopfen.''

Bei Timea Bacsinszky verlief der Aufstieg nach der Wiederbelebung ihrer Karriere in den letzten zwölf Monaten kontinuierlich und entsprechend nachvollziehbar, analysiert Günthardt. Bei Belinda Bencic jedoch kam der Durchbruch während der Rasensaison innerhalb kürzester Zeit. Zudem noch nach einer schwierigen Phase, in der sie viel Selbstvertrauen verlor und kaum Matches gewann.

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Klar hingegen ist für Günthardt, dass das Talent von Bencic und Bacsinszky für Experten unübersehbar gewesen sei: ''Beide Spielerinnen verfügen über eine hervorragende Wettkampfpsyche, spielen ausgezeichnet Rückhand und haben zudem ein aus­geprägtes Spielverständnis. Das ist eine ausgezeichnete Basis, um unter die ersten Zehn der Welt zu kommen.'' Ähnliche Voraussetzungen sähe man aber auch bei anderen Spielerinnen, die trotzdem weit von der absoluten Weltspitze entfernt seien, ­relativiert Günthardt.

Hingis‘ Vormarsch keine Überraschung

Alles andere als unerwartet kam für Günthardt hingegen der unaufhaltsame Vormarsch von Doppelspezialistin Martina Hingis. ''Sie war ja vor ihrem Comeback schon die beste Doppelspielerin der Welt. Eine wie sie verlernt das Tennisspielen garantiert nicht. Mich überrascht es nicht, dass Hingis jetzt bereits wieder auf Position 2 im Ranking steht und wohl die ­
beste Doppelspielerin der Welt ist'', schwärmt der Fed-Cup-Coach. Hingis‘ Entscheid, voll in den Doppelbewerb einzusteigen, sieht er als grosse Chance für die WTA-Tour. ''Sie hat den Frauen-Doppelbetrieb zweifelsohne wiederbelebt, ihm auch einen Hauch Glamour einverleibt'', ist Günthardt überzeugt.

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Hingis die Nummer 2 im Doppel, Bacsinszky die Nummer 12 und Bencic die Nummer 14 im Einzelranking, ist das nun der Peak des Schweizer Frauen-Tenniswunders? ''Dass auf der WTA momentan vieles möglich ist, zeigen die Siege von Marion Bartoli 2013 in Wimbledon oder der Sieg von Flavia Pennetta bei den diesjährigen US Open. Alles ist im Umbruch, alles in Bewegung.''

Noch dominiere Serena Williams ­unangefochten die Tour, doch der Kern von Spielerinnen, die eine Klasse besser als der Rest seien, fehle mittlerweile. ''Auch bei Martina Hingis ist das Alter kein Grund, wieso sie in der nächsten Saison nicht wieder mit derselben ­Dominanz auftreten könnte. Das eröffnet viele Möglichkeiten, lässt träumen. Dem Schweizer Frauen-Tennis steht eine äusserst spannende Zeit bevor'', prognostiziert Günthardt.

Und nun das Fed-Cup-Wunder?

Bei all den individuellen Fortschritten drängt sich die Frage auf, wo die Grenzen des zuletzt in die Weltgruppe aufgestiegenen Fed-Cup-Teams liegen. ''Das ist schwer zu sagen. Entscheidend ist immer auch, wer zur Verfügung steht'', gibt sich der Fed-Cup-Captain bewusst zurückhaltend.

Vom Wunder zum Fed-Cup-Titel? ''Träumen halte ich für verfrüht''
Günthardt geht aktuell davon aus, dass er 2016 in Bestbesetzung, also mit Timea Bacsinszky, Belinda Bencic und Martina Hingis wird antreten können. ''Natürlich ist das nicht fix, aber als Captain hoffe ich auf mein bestes Team.'' Günthardt ist in der privilegierten Position, sein Parade-Trio wahlweise mit hervorragenden Spielerinnen zu ergänzen.

­Stefanie Vögele, aktuell die Nummer 122 im WTA-Computer, war bis Ende 2013 die Nummer 1 der Schweiz. Die routinierte Romina Oprandi ist nach ihrer Verletzungspause bereits wieder die Nummer 123 der Welt. Auch Viktorija Golubic, Amra Sadikovic oder Xenia Knoll sind mögliche Ergänzungen.

Trotz der Fülle an valablen Spielerinnen will sich Günthardt auf die Frage nach dem Leistungszenit des Schweizer Fed-Cup-Teams nicht festlegen. ''Natürlich ist vieles möglich und wir gehören mit diesen Spielerinnen ganz klar in die Weltgruppe I. Aber von einem Fed-Cup-Titel zu träumen, halte ich für verfrüht'', bremst er. ''Wir sind ein Team, das sicher für jede andere Nation unangenehm zu spielen ist – und wir sind erfolgshungrig. Aber bereits die erste Begegnung ­gegen Deutschland wird äusserst schwierig.'' Die Gastgeberinnen – aktuell im Nation-Ranking die Nummer 4 – haben für das Duell ­gegen die Schweiz am 6. und 7. Februar 2016 einen Hartplatz-Belag gewählt. Gespielt wird in der Messehalle Leipzig. ''Wir werden es mit einem äusserst konstanten und heimstarken Team zu tun bekommen'', weiss Günthardt.

Wer im Fussball Weltmeister werden will, muss zuerst die Deutschen schlagen, lautet eine Binsenwahrheit. Jene ist möglicherwiese auch im Frauentennis nicht ganz falsch.

Michael Hasler