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Und nun?

Und nun?
Die Schweizerinnen verloren ihren Fed-Cup-Halbfinal von Luzern gegen dieTitelverteidigerinnen aus Tschechien mit 2:3. Die spannende Frage dürfte nun sein, wie das junge Team von Heinz Günthardt diese Niederlage einordnet: als verpasste Chance oder als positives Lebenszeichen, zumal die Equipe nicht in Bestbesetzung antreten konnte? Antworten dürfte die nahe Zukunft des Teams bringen.

Nach der knappen Niederlage des Schweizer Fed-Cup-Teams in der Messehalle 1 in Luzern ist sie wieder da, diese fast schon ewige Perspektivenfrage, ob denn das Glas nun halb voll oder eben doch halb leer ist. Als Optimist darf man zurecht behaupten, dass es eine Vielzahl von Argumenten gibt, die für ein halbvolles Glas sprechen. Der Erfolg des Schweizer Tennis’ ganz generell und aktuell die Fortschritte des Schweizer Frauennationalteams im Speziellen sind tragende ­Argumente. Für das halbvolle Glas wiegt die Tatsache, dass das Schweizer Team ausgerechnet in Luzern nicht in Bestbesetzung antreten konnte, Timea Bacsinszky unter ihrem Top-Level blieb und die Equipe gegen die ersatzgeschwächten Gegnerinnen eine grosse Chance auf die Finalteilnahme gegen Frankreich ausliess. Dies wäre ein Grosserfolg gewesen, der dem Team zuletzt 1998 glückte. Die jüngsten Ereignisse in Luzern könnten so oder so wegweisend sein, wohin Captain Heinz Günthardt sein Team in naher Zukunft ­navigieren können wird.

Lichtblick Viktorija Golubic

Pessimisten und Optimisten werden sich unabhängig vom späteren Ausgang der Partie zwischen der Schweiz und Tschechien einig über den unerwarteten Exploit von Viktorija Golubic sein. Die 23-jährige Weltnummer 129 belegte vor einem euphorisierten Heimpublikum eindrücklich, wieso sie seit längerer Zeit fix zum Schweizer Fed-Cup-Team zählt. Vor ziemlich ­genau einem Jahr hatte sie im Aufeinandertreffen mit den Polinnen zudem bewiesen, dass sie durchaus mit Druck um­gehen kann. Damals gewann sie an der Seite von Timea Bacsinszky das entscheidende Doppel und zeigte dabei eine ­hervorragende Leistung. Was sie nun in Luzern an zwei aufeinander folgenden ­Tagen zeigte, übertraf die bisherigen ­Taten für das Schweizer Tennis natürlich bei weitem – und dies exakt zum richtigen Zeitpunkt.

Und nun?

Natürlich hatten die im Verlauf der ­aktuellen Saison erzielten Resultate ab und an bestätigt, was Viktorija Golubic seit jeher über ihre Entwicklung sagte: «Ich bin jemand, der Zeit braucht, um sich entwickeln zu können.» Dass sie dies zum allerbesten Zeitpunkt für sich und die Schweiz tat, bescherte dem Ländermessen ein gut getimtes Drehbuch und der Zürcherin den vielleicht grössten Moment in ihrer Tenniskarriere. Nachdem Belinda Bencic wegen anhaltender Rückenprobleme unglücklicherweise auf einen Einsatz in Luzern verzichten musste, war bald einmal klar, dass der zweite Einzelplatz durch Viktorija Golubic besetzt werden würde. Eine Aufgabe, an der man wachsen, aber auch scheitern kann. Rückblickend besonders bemerkenswert an Viktorija Golubics unverhofftem Höhenflug ist, dass sie ihrem Triumph ­gegen die Weltnummer 18, Karolina Pliskova, einen Tag später einen grandiose Performance gegen die fast 100 Plätze vor ihr in der Weltrangliste liegende ­Barbora Strycova (WTA 33) folgen liess. Beide Gegnerinnen sind ein Beleg dafür, wie stark die Gegenrinnen aus Tschechien in Bestbesetzung mit Petra Kvitova und Lucie Safarova in Luzern hätten antreten können. Heinz Günthardt, ein äusserst umsichtiger Captain und begnadeter Tennisanalytiker, fand für die herausragenden Partien seiner Nummer 2 wie so oft die richtigen Worte: «Es ist eine Sache zu wissen, dass jemand ein gewisses Niveau erreichen kann, aber eine ganz andere ­Geschichte, dieses Niveau dann im entscheidenden Moment auch wirklich abrufen zu können.» Die beiden perfekt ­getimten Exploits von Viktorija Golubic öffnen für die Schweizerinnen – trotz der schmerzlichen Niederlage – neue Perspektiven: Auch in Abwesenheit ihrer Teamleaderin haben die Schweizerinnen an ihre Chance geglaubt, was für die mentale Stärke dieses Ensembles spricht.

Grosses Tennis

Eine der wunderbarsten Erinnerung an die Partie in Luzern dürfte die Begeisterung des Publikums bleiben. Die Schweizer Frauen hatten zuvor drei Jahre lang nicht mehr zu Hause gespielt. Zuletzt war dies bei der Begegnung gegen Australien in Freiburg der Fall. Das gesamte Wochenende war die Halle praktisch ausverkauft, und die Gekommenen feuerten ihr Team lautstark und enthusiastisch an. Auch Captain Heinz Günthardt war rückblickend überzeugt, dass das grandiose Publikum mitverantwortlich für den Höhenflug von Viktorija Golubic gewesen ist. Die Partien in Luzern waren insgesamt nicht nur ­Werbung fürs Schweizer Tennis, sondern für das Frauentennis ganz grundsätzlich, waren sich Beobachter einig. Zwischen Spannung, Höhenflügen und Rückschlägen erreichte vor allem die Partie zwischen Golubic und Strycova ein Niveau, wie man es auf der WTA Tour gerne häufiger sehen möchte.

Die pessimistischen Beobachter fokussierten sich in Luzern natürlich auf die Absage von Belinda Bencic. Sie, die aktuell klar die beste Schweizer Einzelspielerin ist und sich in den Top 10 etabliert, wäre in Luzern für das Schweizer Fed-Cup- Team natürlich pures Gold wert gewesen. Denn Bencic ist eine gewaltige Fed-Cup-Spielerin, die in diesem Bewerb bei sieben Spielen nur eine Niederlage hinnehmen musste. Ihre sportliche Abwesenheit in Luzern warf erneut die (mög­licherweise unfaire) Frage auf, welche Rolle der Fed Cup in ihrer Saisonplanung spielt. Dass sie in Luzern vor Ort war und ihre Mitspielerinnen anfeuerte, ist sicherlich als gutes Zeichen zu werten. Dennoch bleibt die Frage nach den eigenen Prioritäten. Welches Gewicht kommt dem Fed Cup im Vergleich mit ihrer eigenen, vielversprechenden Karriere zu? Analog zum Schweizer Davis-Cup-Team darf sich das Frauen-Kollektiv nur dann Chancen auf den Fed-Cup-Pokal machen, wenn sich Bencic verlässlich an das Team bindet.

Bacsinszky: zu viele Emotionen

Einen grossen Rückschlag musste Timea Bacsinszky in Luzern hinnehmen. Denn ungeschönt gesagt, hat die sympathische Lausannerin in Luzern schlicht versagt. Oder anders formuliert: Sie wurde ein ­Opfer ihrer eigenen Erwartungen, ihrer ­eigenen Emotionen. Nie war sie, die im Fed Cup auch immer wieder abheben konnte, in der Lage, auch nur ihr normales Niveau zu erreichen. Gegen Barbora Strycova wirkte sie komplett blockiert und auch tags darauf gegen Karolina ­Pliskova blieb die Schweizerin unter den eigenen und den Erwartungen ihres Publikums. Es kann ihr passieren, dass sie sich ­selber einen enormen Druck aufbaut und daran zerschellt. Gelingt es ihr, in diesem mentalen Bereich weitere Fortschritte zu machen, wird sie innerhalb des Schweizer Fed-Cup-Teams eine noch wichtigere Rolle einnehmen, als sie dies ohnehin schon tut.

Beeindruckendes tschechisches Doppel

Abschliessend ein Wort zu Martina Hingis. Die aktuell beste Doppelspielerin der Welt hat in Luzern weder enttäuscht noch begeistert. Denn der Zweitagesmodus spielte für einmal gegen das Schweizer Team. Hingis konnte entweder zusammen mit der demoralisierten Timea Bacsinszky oder aber der physisch am Limit laufenden Viktorija Golubic antreten. Heinz Günthardt entschied sich für die Zürcherin, was trotz der Niederlage kein Fehl-entscheid gewesen sein dürfte. Denn das tschechische Duo Lucie Hradecka und ­Karolina Pliskova spielte schlicht herausragendes Tennis; so stark und kraftvoll, dass die beiden Schweizerinnen nicht den Hauch einer Chance bekamen, sich irgendwann doch noch in den Match einzuloggen. 

Yves Jaton