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'Schurke' Raonic fordert 'Held' Murray im Finale

Beim ersten Probetraining im Blackmore Tennis Club in Richmond/Ontario fiel Milos Raonic durch. Coach Casey Curtis schickte ihn zunächst an die Ballmaschine, mit der Jungspund Raonic um sechs Uhr morgens und neun Uhr abends übte, weil sich seine Eltern keine anderen Trainingszeiten leisten konnten. Die Geduld zahlte sich aus - am Sonntag (15 Uhr im LIVETICKER) greift Raonic als erster Kanadier in der 130-jährigen Turniergeschichte nach dem Wimbledontitel.

Im Endspiel trifft der 25-Jährige auf Andy Murray. Die Sympathien auf dem Centre Court werden klar verteilt sein. Der Schotte hat sich längst zum Volkshelden gemausert, nachdem er 2013 die 77-jährige Wartezeit der stolzen Briten auf einen Titel bei ihrem Heim-Grand-Slam beendet, Olympiagold in London und den Davis Cup gewonnen hatte. Raonic kennt das Gefühl, der Schurke in der Geschichte zu sein.

Raonic: "Ich weiss nicht, ob es notwendig ist, der Bösewicht zu sein.''

Im Halbfinale gegen Tennis-Legende Roger Federer waren beinahe 15.000 Zuschauer gegen ihn und für den Schweizer, doch Raonic setzte sich in einem dramatischen Fünfsatz-Krimi durch. Später sagte er: "Ich weiss nicht, ob es notwendig ist, der Bösewicht zu sein. Du musst mit dem fertig werden, was auf dich zukommt. Zuallererst muss ich mit mir fertig werden, dann mit Andy. Über den Rest habe ich keine Kontrolle."

Beinahe schon gelassen geht Raonic sein erstes Grand-Slam-Finale an, ihn stört es nicht ein bisschen, wenn sein Sonderberater John McEnroe seine Spiele lieber aus der Kommentatorenkabine der BBC begleitet, als in seiner Box zu sitzen. "Das macht keinen grossen Unterschied, ich komme damit klar", sagte Raonic zu den Verpflichtungen des dreimaligen Wimbledonsiegers aus den USA: "Er hat positiven Einfluss auf mich, wir haben uns von Beginn an sehr klar verstanden.

McEnroe hat Raonic mental und technisch besser gemacht

McEnroes Engagement im Team um den früheren Weltranglistenersten Carlos Moya aus Spanien hat Raonic den entscheidenden Schritt nach vorne gebracht. Er ist nicht mehr nur das 1,96 m grosse Kraftpaket, das seine Aufschläge mit 230 Stundenkilometern ins Feld hämmert. "Ich habe jetzt mehr Werkzeuge im Koffer", sagte Raonic. Gegen Federer drehte er im vierten Satz ein beinahe verlorenes Match, weil er an sich glaubte. "Mental" sei es die stärkste Leistung seiner Karriere gewesen, sagte er nach dem Matchball, aber noch sei er nicht fertig.

Die grösste Herausforderung steht ihm noch bevor. Gegen Murray hat er fünfmal in Folge verloren, dreimal davon in diesem Jahr, das letzte Aufeinandertreffen liegt gerade drei Wochen zurück. Beim Rasenturnier im Londoner Queen's Club gewann Murray in drei Sätzen. Grossbritannien hofft nach dem Brexit-Schock und dem erneut frühen Aus der Fussballer bei der EM in Frankreich endlich wieder auf positive Schlagzeilen.

Murray: ''Milos ist ein starker Gegner. Er hat sich das Finale verdient."

Murray kann dafür sorgen, das hat er bewiesen. Sein ewiger Rivale Novak Djokovic, gegen den er in diesem Jahr in Melbourne und Paris im Finale verlor, war früh gescheitert. In Ivan Lendl hat er seinen Erfolgscoach zurück, der ihn zu seinen zwei Titeln bei den US Open (2012) und in Wimbledon geführt hatte. Erstmals in seiner Karriere spielt er ein Grand-Slam-Finale nicht gegen Djokovic oder Federer.

"Das ist eine Gelegenheit. Ich habe mich in eine Position gebracht, das Turnier erneut zu gewinnen", sagte Murray selbstbewusst: "Aber Milos ist ein starker Gegner. Er hat sich das Finale verdient."

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