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Martina Hingis - der zeitlose Weltstar

Martina Hingis - der zeitlose Weltstar
Viele Blicke werden in Rio de Janeiro auf Martina Hingis gerichtet sein.Die Weltnummer 1 im Doppel nahm zuletzt 1996 in Atlanta an Olympischen Spielen teil.

Ist Ihnen der Name Hiroshi Hoketsu ein Begriff? Wenn nicht, müssen Sie nicht zwingend grundsätzlich an ­Ihren allgemeinsportlichen Kenntnissen zweifeln. Insidern bekannt ist der Japaner als «Mister Langlebigkeit» der Olympischen Spiele. Zwischen seiner Premiere als ­Mitglied der japanischen Dressur-Equipe in Tokio 1964 und seinem zweiten Auftritt in Peking lag die Kleinigkeit von 44 Jahren. Scott Keach wird heuer ansatzweise in seine Fussstapfen treten.

Der Australier startete 1988 in Seoul im Concours Complet, jetzt hat er sich 28 Jahre danach als Mitglied der Springreiter-Equipe qualifiziert. Dass zwischen zwei Olympia-Teilnahmen eines Sportlers mehrere Dekaden verstreichen, ist die absolute Ausnahme. Und noch seltener ist es in einer Disziplin, in der die physische und mentale Leistungsfähigkeit allein vom Athleten oder der Athletin abhängt. Die personifizierte Ausnahme heisst: Martina Hingis. Als sie im August 1996 in Atlanta erstmals an den Spielen teilnahm, war sie noch nicht einmal 16 Jahre alt, «Killing me softly» von den Fugees hiess der Ohrwurm auf Platz 1 der Hitparade, Jean-Pascal Delamuraz präsidierte den Bundesrat und Bill Clinton stand vor der Wiederwahl als US- Präsident. «Ich war damals noch nicht wirklich ­eine Medaillenkandidatin, ich war ja noch sehr jung», blickt Hingis heute auf den sportlichen Aspekt zurück. Im Einzel ­erledigte sie zuerst die Formalität in Form einer Wild-Card- Spielerin aus der Dominikanischen Republik (6:0, 6:1) und scheiterte dann an der Japanerin Ai Sugiyama («es war eine Zeit, in der ich mit dem Spiel der Japanerinnen generell noch Mühe hatte»), im Doppel bedeutete an der Seite Patty Schnyders nach zwei Siegen der Viertelfinal gegen die Holländerinnen Bollegraf/Schultz-McCarthy Endstation.

Die Zeit in der Coca-Cola- Metro­pole war dennoch speziell für die ­aufstrebende Ostschweizerin, wenn auch nicht primär wegen des Turniers, das von Lindsay Davenport (im Final gegen Arantxa Sanchez) und dem ebenfalls amerikanischen Duo Mary Joe Fernandez/Gigi Fernandez (nicht miteinander verwandt) gewonnen wurde. Unvergesslich bleiben ­Hingis die Erinnerungen aus dem Olympischen Dorf, wo «wirklich alle unterschiedlichen Sportler vertreten waren, von den kleinen Turnerinnen bis hin zu den über zwei Meter grossen Mitgliedern des Dream Teams».

Kein Einlass im olympischen Dorf

Eingebrannt hat sich auch die viereinhalbstündige Eröffnungszeremonie, bei der am Schluss die kürzlich verstorbene, damals schon an Parkinson leidende Box-Legende Muhammad Ali mit dem Entzünden des Feuers für den emotionalen Höhepunkt sorgte. Wie immer forderte diese fast unendliche Feier den Athleten einiges ab. «Zum Glück kommt die Schweiz ziemlich weit hinten, so konnten wir die meiste Zeit sitzen», lacht Hingis. Noch viel beschwerlicher war allerdings die Anreise verlaufen. Hingis, Schnyder und Coach und Mutter Melanie Molitor flogen direkt vom Fed Cup in Djakarta ein.

Es war eine 30-stündige Reise – mit unerfreulich langem Epilog. «Wir kamen um sechs Uhr morgens an und standen vor dem geschlossenen olympischen Dorf», erinnert sich Hingis schmunzelnd, «wir mussten dann bis um acht Uhr warten, bis wir eingelassen wurden.» Zwei Dekaden später ist im olympischen Dorf längst der 24-Stunden- Betrieb eingekehrt und auch sonst ist im Tennis und generell die Realität eine andere. Alle Widersacherinnen von damals – mit Ausnahme von Patty Schnyder, die jüngst ihr Comeback gestartet hat – sind längst im sportlichen Ruhestand und verbringen ihre Zeit wahlweise als Mütter, Co- Kommentatorinnen, Trainerinnen oder in branchenfremdem Gebiet.

«Ihre Leidenschaft ist enorm»

Die Einzige aus jener Zeit, die mehrere Generationen überdauert hat und immer noch an vorderster Front an der Weltspitze mitmischt, ist Martina Hingis. «Ihre Leidenschaft für das Spiel ist immer noch enorm», sagt Leander Paes, quasi ihr männliches Pendant und heutiger Mixed-Partner. Der Inder hat 1996 mit dem Gewinn der Bronzemedaille im Einzel einen Lebenstraum vollendet, den zweiten vor kurzem in Paris an der Seite von Hingis, als das Duo den persönlichen Mixed-Grand- Slam vollendete.

Seine Dankbarkeit äusserte sich in einer «Liebeser­klärung» bei der Siegerehrung und indem er Hingis am Tag nach dem Sieg eine Edelhandtasche schenkte. «Martina ist für mich mehr als eine Mixed- Partnerin. Sie ist eine gute Freundin und eine der besten Personen, die ich überhaupt kenne», erklärte der Mann mit der enormen Ausstrahlung im letzten Oktober in Shanghai gegenüber smash. Vor allem ist Martina Hingis aber das Musterbeispiel dafür, dass eine Karriere kein Sprint ist, sondern ein Marathon – in ihrem Fall gar ein Ultra-Marathon, auf ­verschiedene Etappen verteilt und mit Pausen. Als Dreijährige in die Schweiz ­gekommen, war bald die Rede vom «Wunderkind», das mit Zopf und Zahnspange reihenweise viel ältere Gegnerinnen ausspielte.

Mit 12 gewann sie das U18-Juniorinnenturnier von Roland Garros und avancierte auch weltweit zum «enfant prodige», mit 16 Jahren und 3 Monaten in Melbourne sicherte sie sich die erste ­Major-Trophäe, weitere drei Monate ­später, genau mit 16 Jahren, 6 Monaten und 1 Tag, war sie die jüngste Nummer 1 aller Zeiten. Mit knapp 22 Jahren und 5 Grand-Slam- Titeln im Einzel, 9 im Doppel sowie 209 Wochen als Nummer 1 als Referenz folgte dann der erste Rücktritt, nachdem sie immer häufiger von Problemen an Füssen, Fersen und Gelenken ­gestoppt worden war Die erste Zeit danach genoss Hingis, wie im 2013 erschienenen Standardwerk «Jubeljahre» zu lesen ist: «Zwei, drei ­Monate lang ging ich auch viel in den Ausgang. Dann war diese Phase aber vorbei.»

Bald darauf wurde die Lust nach Tennis wieder grösser, damit einher gingen gesundheitliche Fortschritte und so kam es zum ersten Comeback, zuerst sachte, dann immer seriöser, ab Anfang 2006 ­wieder mit voller Agenda. Bald stand sie wieder in den Top 10, erreichte in ­Melbourne wieder die Viertelfinals eines Grand Slams und avancierte mit ihrem ­variantenreichen Tennis noch mehr zum attraktiven Kontrapunkt im mittlerweile eher monoton gewordenen Damentennis. Auch nach dem zweiten Rücktritt 2007 änderte kaum etwas. Hingis blieb dem Tennissport verbunden, bestritt viele ­Exhibitions und zeigte im amerikanischen Team Tennis, dass sie weiterhin auch mit der Elite mithalten kann. Zudem wurde sie in die Hall of Fame in Newport auf­genommen und ist mittlerweile deren ­Botschafterin.

Mit Mirza die klare Nummer 1 

2013 wurde dann die vierte und bislang letzte Etappe eingeläutet. Hingis kehrte erneut zurück, nicht mehr im Einzel, aber mit umso grösserem Erfolg im Doppel sowie als fixer Bestandteil des erfolgreichen Fed-Cup- Teams. Auf einen durchzogenen Anfang an der Seite der Slowakin Daniela Hantuchova folgten erfolgreichere ­Phasen mit der Deutschen Sabine Lisicki, die sie kurzzeitig auch betreute und ­Italiens mittlerweile zurückgetretenem Darling Flavia Pennetta, seit März 2015 heisst ihre Partnerin nun Sania Mirza.

Die Erfolgsbilanz mit der Inderin ist brillant: 14 Turniersiege in 16 Monaten, als besondere Highlights drei Major-Trophäen und das WTA-Saisonfinale. Hingis/Mirza teilen sich seit letztem Herbst ungefährdet das Nummer-1- Ranking, auch wenn es seit März etwas weniger gut lief. Dass sie quasi die «ewige Jugend» ­gepachtet hat, trägt Hingis weltweit viel Lob ein. Auch sie selber ist zufrieden: «Dass ich noch einmal so weit gekommen bin, macht mich schon stolz.» Mit Leichtigkeit, Spielwitz und -intelligenz bereichert sie die WTA-Tour enorm. Und es sind genau solche Spielzüge, die sie ­selber am meisten freuen: «Für mich ist Tennis immer noch ein Spiel und kein Kraftakt. Ich liebe es, den Gegner aus­zuspielen, ähnlich wie im Schach.»

«Viel mehr Disziplin»

Kaum eine Karriere dauert so lang wie ­jene von Hingis, schon gar nicht eine so erfolgreiche. Bei der Frage, was sie denn so lange bei Filzball und Racket gehalten habe, muss sie nicht lange überlegen: ­«Sicher die Liebe zum Tennis. Die ältere Generation hat aber auch viel mehr Disziplin. Das wurde uns von den Eltern ­mitgegeben und man lernte auch, Kritik anzunehmen.» Nicht immer verlief dies ohne Reibereien, speziell in den Jugendjahren divergierten die Ansichten von Mutter Melanie und der nicht gerade als Trainingsweltmeisterin bekannten Martina regelmässig. Mit zunehmendem Alter besserte dies aber. «Das war auch ein Lernprozess und eine Intelligenzfrage.»

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter hat in all den Jahren nicht gelitten, im Gegenteil, auch heute verstehen sie sich ausgezeichnet. «Sie war und ist stets mein Anker und war immer für mich da, auch wenn es einmal nicht so gut lief.»

Das Mixed als Medienspektakel

Auch bei der Rückkehr an die Olympischen Spiele ist ihr einiges zuzutrauen. Hingis, die nach Wimbledon ihre Batterien in der Karibik auflud und nach dem WTA-Turnier in Montreal und Team-­Tennis- Einsätzen mit den Kastles von ­Washington aus nach Brasilien fliegen wird, zählt im Doppel mit Belinda Bencic und im Mixed mit Roger Federer zu den Hoffnungsträgern der höchst kompeti­tiven Schweizer Tennis-Delegation (Federer, Stan Wawrinka, Bencic, Hingis, Timea Bacsinszky, Viktorija Golubic).

Sie selber will sich nicht aus dem Fenster lehnen: «Ich habe sicher grössere Medaillenchancen als damals in Atlanta.» Gerade das Mixed dürfte ein enormes Medienspektakel generieren, es ist eine der internationalen Storys der Spiele schlechthin. Wenn auch die Qualität des Teilnehmerfeldes schwierig abzuschätzen ist, weil die 16 Paarungen erst vor Ort feststehen werden, so ist doch eines klar: Der Sieg wird über die beiden grössten Sportler führen, welche die Schweiz je hatte.

Auch als Fahnenträgerin im Gespräch

Zur Diskussion steht der Name Martina Hingis auch für die Rolle der Fahnen­trägerin, auch wenn die Konkurrenz mit Nicola Spirig oder Giulia Steingruber ­valabel ist, von den Männern (Federer, ­Fabian Cancellara, Steve Guerdat) ganz zu schweigen. Dazu will sich Hingis allerdings nicht äussern: «Ich konzentriere mich auf die Dinge, die ich beeinflussen kann.» Verdient, das ist aber klar, hätte sie es allemal. Sie war die erste Schweizer Sportlerin, welche das Prädikat Weltstar verdiente. Und dieses Prädikat hat sie heute noch. 20 Jahre danach.