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Eine Silbermedaille mit goldenem Glanz

Als Not-Doppel nach Rio de Janeiro gereist, verlassen Timea Bacsinszky und Martina Hingis die Olympischen Spiele als Traum-Paarung. Mit der vierten Schweizer Tennis-Medaille überhaupt.

Wie immer nach solchen Spielen stellte sich im ersten Moment vor allem eine Frage. Diejenige, ob nun die Freude über die Finalqualifikation überwiegt oder doch die Enttäuschung über die verpasste Krönung im Showdown. Martina Hingis liess keine Zweifel aufkommen an diesem Sonntag in Rio de Janeiro: «Wir haben Silber gewonnen, ganz klar, nicht Gold verloren.» Ein klareres Unterstützungvotum als die leuchtenden Augen von Partnerin Timea Bacsinszky wäre unmöglich gewesen. Immer wieder schauten sie sich an, dann wieder die Medaillen, gelegentlich flossen ein paar Tränchen. Aus Zufallspartnerinnen sind Freundinnen fürs Leben geworden.

Natürlich könnte man monieren, dass noch mehr möglich gewesen wäre. Mit dem Konjunktiv gewinnt man aber keine Partien. Gegen die Russinnen Jekaterina Makarowa/Jelena Wesnina spielten die Schweizerinnen zwar nicht schlecht, aber nicht so gut, wie sie können. Verständlich, gerade im Halbfinal gegen die Tschechinnen Andrea Hlavackova/Lucie Hradecka hatten sie viel Energie verbraucht. Mitte des zweiten Satzes drohte eine sang- und klanglose Niederlage und die Aufholjagd, die in der Abwehr zweier Matchbälle gipfelte, zehrte stark an der emotionalen und physischen Substanz. Vielleicht zu stark, um 36 Stunden später und nach einer Woche voller olympischer Eindrücke noch einmal die Bestleistung abzurufen.

Schon bald nach dem Matchball konnte Bacsinszky dann die erste Schweizer Frauentennis-Medaille richtig einordnen: «Ich hätte nie vom Gewinn einer Medaille geträumt. Diese Woche wird uns für immer verbinden.» Auch für Hingis, die 19 Jahre und 10 Monate zuvor in Filderstadt ihren ersten Titel auf der WTA-Tour gefeiert hatte, werden die Tage unvergesslich bleiben. «Es ist ganz anders, solche Erfolge in meinem Alter zu feiern, als wenn man am Anfang der Karriere steht.»

Partnersterben und glühende Telefondrähte

Noch grösser war die Freude, weil in ihr ein Steigerungslauf kulminierte, der beinahe gar nie lanciert worden wäre und der zuerst eine Negativmeldung nach der anderen gebracht hatte. Gerade Martina Hingis durchlebte bei ihrer Rückkehr unter die olympischen Ringe nach zwei Jahrzehnten die gesamte Bandbreite der Emotionen.

Eine Silbermedaille mit goldenem Glanz
Sie, kurz vor den Spielen als zweifache Medaillenkandidatin gehandelt, drohte noch während des Turniers von Montreal innert 24 Stunden ihres Traumes beraubt zu werden. Zuerst teilte ihr Roger Federer persönlich mit, was er wenige Stunden danach die ganze Welt wissen liess, nämlich, dass er die Saison vorzeitig beenden müsse. Kurz darauf zog sich, weniger überraschend, auch Belinda Bencic wegen Trainingsrückstands zurück und als dann auch noch Stan Wawrinka – vor seiner abschliessenden Komplettabsage – verlauten liess, er stehe fürs Mixed nicht zur Verfügung, drohte Hingis der Schwarze Peter.

Die Drähte glühten anschliessend zwischen der Schweiz und Nordamerika und schliesslich fand sich die Alternative: Bacsinszky, die ursprünglich zusammen mit Xenia Knoll gemeldet war und nach deren Verzicht mit Viktorija Golubic, würde nun mit Hingis zusammenspielen. Ein Duo, das noch nie wettkampfmässig auf der gleichen Seite des Netzes gestanden hatte, sollte also die Kastanien für die arg gebeutelte Tennis-Delegation aus dem

ES WÄRE SUPER, WENN TIMEA UN DICH AUCH IM NÄCHSTEN JAHR WIEDER EINMAL ZUSAMMENSPIELEN KÖNNTEN.

Feuer holen. Immerhin waren sie als Nummer 5 gesetzt und hatten sich auch in der gemeinsamen Zeit mit der zu einem echten Team zusammengeschweissten Fed-Cup-Equipe kennengelernt.

Hingis’ Leaderrolle....

Die diffizile Ausgangslage wurde zusätzlich erschwert, als Timea Bacsinszky in der Einzel-Startrunde nach einem dreistündigen Wechselbad der Gefühle an der Chinesin Zheng scheiterte, nur kurz vor dem ersten Doppel. In dieser Stunde kam die gesamte Erfahrung von Hingis zum Tragen: Die weltbeste Doppelspielerin spürte, dass sie ihre Partnerin nicht nur in den Ballwechseln führen musste, ganz ähnlich wie dies vor acht Jahren Wawrinka in Peking getan hatte. Als Roger Federer nach der Viertelfinal-Niederlage gegen James Blake am Boden zerstört war, baute ihn sein Partner vor dem Viertelfinal-Doppel gegen Mahesh Bhupa- thi/Leander Paes wieder auf und übernahm auf dem Court die Leaderrolle.

Eine Silbermedaille mit goldenem Glanz
Diese Verantwortung nahm nun ganz klar die weltbeste Doppelspielerin wahr. Hingis munterte Bacsinszky vor der Partie auf und sprach ihr fast nach jedem Punkt zu, fast immer das charakteristische und beruhigend wirkende Lächeln auf den Lippen. Und es nützte: Die Schweizerinnen übersprangen die hohe australische Starthürde Daria Gavrilova/ Samantha Stosur in drei Sätzen, ohne Schönheitspreis, aber immerhin. Spätestens da wurde allen bewusst, dass es sich nicht einfach um ein gewöhnliches Frauen-Doppel-Turnier handelte. Swiss Tennis brachte schon nach der Startrunde auf Twitter den Spitznamen «MarTimi» ins Spiel, wenige Tage danach entschieden sich die Online-User des «Tages-Anzeiger» aus drei Vorschlägen für «Bacsingis», die Benützer der Website des Staatsfernsehens schliesslich optierten für «Hinginszky». Den Spielerinnen selber sollte schliesslich übrigens «MarTimi» am besten gefallen.

...und Bacsinszkys kontinuierliche Steigerung

Manch ein Fan fühlte sich fortan tatsächlich an den klassischen Cocktail erinnert, das Duo trat jetzt beschwingt auf. In der 2. Runde hatte Bacsinszky die Enttäuschung endgültig überwunden und steigerte sich massiv. Was möglich ist, wenn die Weltnummer 1 im Doppel und eine zweite geborene Wettkämpferin ihr Potenzial ausschöpfen, bekamen die gefährlichen Amerikanerinnen Bethanie Mattek Sands/CoCo Vandeweghe zu spüren. Hingis lieferte der 6:4, 6:4-Sieg vor allem eine Erkenntnis: «Ich sagte Timea nach jenem Spiel, dass nun alles möglich ist.» Eine Einschätzung, die sich durch das klare 6:3, 6:0 gegen die taiwanesischen Chan-Schwestern und den damit verbundenen Einzug in die Medaillenrunde nur noch verstärkte. Weil im Tennis keine Zeit zum Durchschnaufen bleibt, trennten sich die Wege der beiden neuen Freundinnen bald wieder. Den Kulturschock von der faszinierenden Metropole am Zuckerhut zum rauen Charme von Cincinnati mussten

WIR HABEN SILBER GEWONNEN, GANZ KLAR, NICHT GOLD VERLOREN.

beide verarbeiten, im US-Bundesstaat Ohio konzentrierte sich Bacsinszky aber wieder aufs Einzel, Hingis startete an der Seite von Vandeweghe in die «Nach- Mirza-Ära». «Santina», die Dominatorinnen des Vorjahres, haben sich wegen zuletzt unter den Erwartungen gebliebenen Resultaten getrennt und werden nur noch am Masters in Singapur zusammenspannen. Auf ein anderes Wiedersehen hofft Hingis dagegen sehr: «Es wäre super, wenn Timea und ich auch im nächsten Jahr wieder einmal zusammenspielen könnten.» Ob im Fed Cup oder auf der WTA-Tour: Die silbern-goldenen Tage von «MarTimi» in Rio verdienen ein Revival. Im Extremfall sogar so, wie es sich Bacsinszky erträumen würde: «Ich arbeite daran, dass Martina bis Tokio weiterspielt.» Die Tage von Rio haben eines gezeigt: Sag niemals nie. 

TEXT: MARCO KELLER.