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Die Krönung eines unglaublichen Comebacks!
Lucas Orellano
Von Lucas Orellano
lucas.orellano@sportal.email
 
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Die Krönung eines unglaublichen Comebacks!
Roger Federer gewinnt die Australian Open 2017. Lassen wir uns diesen Satz auf der Zunge zergehen, denn wer hätte das vor dem Turnier noch gedacht? Doch Federer zeigte, allen Unkenrufen zum Trotz, einen unglaublichen Lauf und holte sich in einem Final, der lange auf Messers Schneide gestanden hatte, einen der grössten Siege seines Lebens. Ein Kommentar zu diesem denkwürdigen Spiel.

Zum Schluss hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Roger Federers Box, für ihre Gelassenheit bekannt, sprang nach jedem Punkt auf, feierte jeden Winner des Schweizers frenetisch. Und das Publikum erst, das genau wusste, dass an diesem lauen Abend in Melbourne Geschichte geschrieben wurde. Es feuerte Federer unverdrossen an, vor allem in jenen dramatischen Momenten des frühen fünften Satzes, in denen ein abgekämpfter Nadal sich irgendwie ein frühes Break geholt hatte und auf 0:2 davongezogen war.

 

Die Krönung eines unglaublichen Comebacks!

Doch dann kam die Wende, und die hatte sich angekündigt. Nadal, der in jedem Servicegame in Rücklage geriet und Federer Breakbälle zustehen musste, wehrte sich mit dem Mut der Verzweiflung und einer ebenso untypischen wie unglaublichen Aufschlagsleistung. Läuferisch lief beim Spanier, der sich auf dem Platz übergeben musste, fast nichts mehr, es war Roger Federer, der die Ballwechsel dominierte. Und dann, endlich, überwand dieser ein rund eineinhalb Sätze andauerndes Tief. Plötzlich sass die Rückhand wieder wie in den ersten drei Sätzen, in denen er fantastisch gespielt hatte, offensiv, und mit der Konsequenz, die ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatte. Nach 3:40 Stunden verwandelte er seinen zweiten Matchball.

Das Comeback nach Verletzungspech

Es ist dies die Krönung eines der wohl grössten Comebacks in der Geschichte des Tennis. Wie tief sass der Frust des Maestro, als er nach Wimbledon 2016 die Saison vorzeitig beenden musste. Kein Olympia, wo er mit Martina Hingis zum Mixed Doppel hätte antreten sollen. Fall aus den Top 10, zum ersten Mal seit 15 Jahren. Dann die Rückkehr zum Jahresbeginn am Hopman Cup, eine clevere Entscheidung des Schweizers, denn dort waren ihm nicht nur drei Einzel garantiert, es gab auch kaum Druck und eine entspannte, teilweise fast Exhibition-mässige Atmosphäre - ideal um sich wieder zu akklimatisieren.

 

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Der Steigerungslauf

Die Medien beurteilten die Auslosung für Federer als glücklich. Der 35-jährige selber sah das aber nicht so. Nach zwei lockeren Auftaktspielen gegen Jürgen Melzer und Noah Rubin traf er bereits in Runde drei auf Tomas Berdych, den ersten richtigen Test für seinen Formstand. Er schlug die tschechische Weltnummer 10, die kaum wusste, wie ihr geschah, diskussionslos in drei Sätzen. Gegen Kei Nishikori, Stan Wawrinka und Rafael Nadal musste der Altmeister jeweils über fünf Sätze - und gewann jedes Mal. So schlug er an diesem Turnier voller Überraschungen vier Top-10-Spieler. 2016 besiegte er im ganzen Jahr nur einen.

 

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Der Kampf mit der Geschichte

Mit dem Turniersieg kehrt Federer selber in diesen erlauchten Kreis zurück, aber das wird ihn nur am Rande interessieren, weil das einen Einfluss auf die Auslosung an den grossen Turnieren hat. Ansonsten spielt Federer schon seit Jahren nicht mehr darum, an welcher Weltranglistenposition er steht. Er spielt um die Geschichte, um seinen eigenen Rekord, den er weiter ausbauen und gegen die noch immer nachdrängenden Rafa Nadal und Novak Djokovic verteidigen will. Andy Roddick, der längst Zurückgetretene, der zur gleichen Generation Tennisprofis gehört, wie der Schweizer, sagte unlängst, der Final sei der wichtigste von Federers Karriere. Was er damit meinte, ist klar. Hätte Nadal gewonnen, hätte er jetzt 15 Major-Titel und stünde nur noch 2 hinter Federers 17 - und das vor den French Open. Mit dem Gewinn des 18. Titels band Federer gleichzeitig den grössten Konkurrenten seiner Karriere entscheidend zurück. Und er holte sich einen Sieg fürs Selbstbewusstsein, gegen einen Gegner, der ihn zuvor in 11 Grand-Slam-Duellen 9-mal besiegt hatte. 

 

Die Krönung eines unglaublichen Comebacks!

Wie weiter?

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Jahr weiter entwickelt. Zunächst stehen weitere Hartplatz-Turniere in Dubai, Indian Wells und Miami an, wobei nicht klar ist, wo Roger Federer überhaupt antreten will. Klar ist, dass er in dieser Beziehung extrem wählerisch sein wird. In den vergangenen Jahren war der 35-jährige auch in der Sandsaison eher zurückhaltend, aber es gilt als sicher, dass er versuchen wird, sich auf Wimbledon zu fokussieren, die Stätte seines ersten grossen Erfolges, wo er seither 7-mal gewonnen hat.

 

Die Krönung eines unglaublichen Comebacks!

Und hat er irgendwann genug? Als Fan hofft man natürlich, dass Federer noch unendlich lange auf diesem Niveau und mit diesem Ehrgeiz weiterspielen kann. Doch heute, mit dem Pokal in der Hand, machte er, der sonst immer beteuert, er werde noch lange weiterspielen, eine Aussage, die man sich von ihm nicht gewohnt ist. Er sagte nämlich “Danke für alles, ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder, und falls nicht, das war ein wundervoller Lauf hier und ich könnte nicht glücklicher sein.” Es bleibt zu hoffen, dass das nicht eine Vorankündigung für den Rücktritt ist, von dem schon seit Jahren geschrieben wird, und der bisher nicht eingetreten ist. Warum nicht hat Federer heute erneut bewiesen: weil er noch vorne mitspielen kann. Und wer sagt denn, dass das sein letzter Grand-Slam-Titel war? Spielt er weiter auf diesem Niveau, liegt definitiv noch mehr drin.

 

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