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Den Abgeschriebenen gelingt die Wachablösung

Den Abgeschriebenen gelingt die Wachablösung
Was sich schon lange abzeichnete, scheint seit Wimbledon klar. Roger Federer und Rafael Nadal dürften Andy Murray und Novak Djokovic überflügeln und die Nummer 1 am Jahresende unter sich ausmachen.

Neun der vierzehn grössten Turniere waren bis Mitte August ausgetragen. Viermal hiess der Sieger Roger Federer (Melbourne, Indian Wells, Miami, Wimbledon), dreimal Rafael Nadal (Monte Carlo, Madrid, Paris), einzig in Rom und Montreal vermochte die neue grosse Hoffnung Deutschlands, Alexander Zverev, in die Phalanx der «Oldies» einzubrechen. Grosse Titel für Novak Djokovic, Andy Murray oder auch Stan Wawrinka? Fehlanzeige.

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Murrays Vorahnung

Andy Murray hatte schon vor Wimbledon eine Vorahnung gehabt. «Ich spiele in diesem Jahr zu schlecht, um es zu verdienen, die Nummer 1 der Welt zu bleiben», sagte der Schotte im Juni an einem Anlass seines Automobil-Partners Jaguar sehr offen im exklusiven Gespräch mit smash. Ein Turnier hatte Murray bis dahin erst gewonnen, den ATP-500- Event in Dubai. Das änderte sich auch an seinen Lieblingsturnieren nicht: Im Queens Club unterlag er dem Australier Jordan Thompson, in Wimbledon war für den Titelverteidiger im Viertelfinal gegen den Amerikaner Sam Querrey Endstation. Dass ihn dabei eine Hüftverletzung behinderte, gibt ihm zwar mildernde Umstände, dem ATP-Computer ist dies aber egal. Tatsächlich geizte der Schotte bisher mit seiner gewohnten Konstanz: Sieben seiner zehn Bezwinger in diesem Jahr sind nicht in den Top 20 zu finden.

Bei Murray war es eine Baisse mit Ankündigung, der Effort der zweiten Jahreshälfte 2016 musste irgendwann seinen Tribut fordern. Er war an die Grenzen gegangen und darüber hinaus, um den vorher unantastbaren Djokovic vom Gipfel der Weltrangliste zu stürzen. Murray hetzte quer über die Kontinente, wechselte die Unterlagen fast so häufig wie die Zeitzonen und gewann von London bis London – von Wimbledon bis zu den World Tour Finals – sieben Turniere. Dank 25:0 Siegen in den letzten fünf Turnieren gelang ihm das fast Undenkbare.

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Djokovics Saisonabbruch nach der Baisse

Auch Novak Djokovic hatte es nicht geschafft, nach dem Erreichen eines Lebensziels die Spannung hochzuhalten. Als er im Juni 2016 mit dem Gewinn des French Open endlich den persönlichen Grand Slam vollendet hatte, war er am Ziel seiner sportlichen Träume. Motivationsprobleme, Affären, die ihm angedichtet wurden und der komplette Austausch seiner Trainercrew zwischen November und Mai: Die Gründe sind mannigfaltig, weshalb aus dem vorherigen Dominator der Szene plötzlich ein Durchschnittsspieler wurde, der von 16 Starts nur noch drei Turniere gewann. Vor allem fehlte ihm plötzlich das kriegerische Element, das ihn vorher so ausgezeichnet hatte.

Aus dem Löwen war ein Schmusekätzchen geworden, vielfach wurde dies dem spanischen Guru Pepe Imaz zur Last gelegt, der neuen sportlichen Bezugsperson Nummer 1. Zuletzt schien auch dank neuem Beraterteam mit Andre Agassi und Mario Ancic eine Besserung einzutreten, nun legt aber der Körper sein Veto ein. Eine Schlagarm-Verletzung zwang ihn zur Aufgabe gegen Berdych und wenige Wochen später gab er nach Konsultationen bei Spezialisten das vorzeitige Ende seiner Saison bekannt. Genau ein Jahr, nachdem dies Roger Federer getan hatte, übrigens. «Jetzt zahle ich mit Zins und Zinseszins für meine Karriere», sagte er.

Für Murray und Djokovic steht nun das Überwinden ihrer «midlife crisis» – beide wurden im Mai innert Wochenfrist 30 – im Vordergrund. Körperlich und mental. Im Kampf um Platz 1 werden bis Jahresende andere im Fokus stehen, zumal Murray verletzungsbedingt auf Montreal und Cincinnati verzichtete und 5460 Punkte aus der Wertung fallen und neben Djokovic auch Wawrinka die Saison abbrechen musste.

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Federer versus Nadal, wie vor zwölf Jahren

Die klar beste Ausgangslage haben jene beiden Spieler, die zum Glück die Fähigkeit besitzen, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Wenn Federer und Nadal nur ein Prozent der Zweifler ernst genommen hätten, die immer wieder ihren Schwanengesang anstimmten, gäbe es die Rivalität schon lange nicht mehr, Nun gibt es sie sogar wieder auf höchstem Niveau: Der Spanier muss nach Wimbledon bis Jahresende 370 Punkte bestätigen, Federer gar keine, da er die Saison vorzeitig abbrach. Zwischen 2005 und 2010 hatten die beiden die Plätze 1 und 2 im Jahresendranking unter sich ausgemacht. Nun, zwölf Jahre nach der

Premiere, steigt Federer mit leichten Vorteilen in diese unerwartete Neuauflage des Duells: Er hat im Verlauf seiner Karriere zwischen August und September praktisch immer mehr Punkte eingespielt als der Spanier. Deshalb heisst es einmal mehr: Advantage Federer – wobei der Schweizer aber nach seiner Finalniederlage gegen Zverev in Montreal über einen steifen Rücken klagte und über einen Cincinnati-Verzicht (nach Redaktionsschluss) nachdachte.

Marco Keller

 

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